Neuerscheinung : Feiner Riss in der Welt

Bedrohtes Königreich der Träume: Die bildschöne Novelle „Im Kopf von Bruno Schulz“ von Maxim Biller geht zurück ins Jahr 1938.

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Schreibt an einem Tausendseiter. Der Schriftsteller Maxim Biller.
Schreibt an einem Tausendseiter. Der Schriftsteller Maxim Biller.Foto: Lottermann and Fuentes

Eine Stadt mit lauter Geschäften, deren Werbetafeln auf jüdische Inhaber verweisen, und durch die Straßen der Stadt flaniert ein Mann in Uniform, mit einem berühmten Bärtchen und einem berüchtigten Symbol auf der Armbinde. Was macht Adolf Hitler mitten in Warschau?

Mit dieser Frage beginnt Ernst Lubitschs wunderbare Filmkomödie um „Sein oder Nichtsein“. Noch herrscht Frieden und kein Nazi in Warschau, der täuschend echte und dennoch von Passanten freundlich gegrüßte Herr Adolf H. ist ein bekannter polnischer Schauspieler – auf Ausgang im Theaterkostüm. Gleich danach aber bricht der Zweite Weltkrieg aus und das alte Spiel um Sein und Schein wird zur Probe auf Leben oder Tod.

Etwas von diesem sarkastischen Witz steckt auch in Maxim Billers Novelle „Im Kopf von Bruno Schulz“. Auch hier geistert angesichts des nahenden Krieges der Doppelgänger eines berühmten Deutschen durch eine Welt, der die Vernichtung droht. Der fremde Mann heißt hier freilich Thomas Mann. Jedenfalls glauben das die Leute in der ostpolnischen, galizischen Stadt Drohobycz, in der ein Reisender offenbar dank einer gewissen Ähnlichkeit mit dem weltberühmten Autor unter dessen Namen abgestiegen ist. Angeblich zwecks Recherchen für ein Buch.

Dieses Drohobycz ist so wirklich und zugleich traumhaft-albtraumhaft entrückt, wie es Bruno Schulz einst war. Im heute ukrainischen, südlich von Lemberg gelegenen Drohobycz 1892 als Sohn eines jüdischen Tuchhändlers geboren, wurde Schulz im November 1942 von dem Gestapo-Mann Karl Günther in seiner Geburtsstadt auf offener Straße erschossen. Schulz hatte gerade seine Flucht aus dem Ghetto geplant, und er schien einen gewissen Schutz durch einen SS-Offizier zu genießen, dessen Besatzer-Villa er mit märchenhaften Fresken ausmalte.

2001 hat der Hamburger Dokumentarfilmer Benjamin Geissler jenes Geisterhaus mit den von Schulz entworfenen Bilderkammern entdeckt und später eine virtuelle Ausstellung des dann zu Teilen in die Gedenkstätte Yad Vashem nach Israel gebrachten Freskenzyklus konzipiert. Die eindrückliche Schau hat Geissler dieses Jahr in einem Pavillon hinter dem Martin-Gropius-Bau in Berlin präsentiert.

Auch Billers Erzählung gleicht jetzt einer kleinen großen Wunderkammer. Ein Wurf, bildstark und bildschön geschrieben. Biller versenkt sich in die poetische Innenwelt des Zeichners und Autors Bruno S., der im Souterrain des beengten familiären Haushalts, in den die Sonne oder die Laternen der galizischen Altstadt nur wie Irrlichter und Schattenspiele dringen, über seinen magenklumpenden Ängsten und flackernden Sehnsüchten brütet. Und der mit immer neuen, versponnenen Anläufen an einem Brief an den realen Thomas Mann sitzt, den er im Züricher Exil über den zwielichtigen Doppelgänger informieren und dabei für sein Werk werben möchte.

Die irrwitzige Situation mag es im November 1938, zur Zeit der Pogrome im expandierenden Hitlerreich, fast gegeben haben. Bruno Schulz, im Brotberuf Zeichenlehrer, war seit 1933 in Polen als Autor höchst sprachmächtiger, gleichwohl flirrend schwebender Erzählungen aus seiner galizischen familiären Welt zu einigem Ansehen gelangt. Er half seiner Verlobten, 1935/36 Franz Kafkas „Prozess“ zu übersetzen, er illustrierte darauf die Erstausgabe von Witold Gombrowicz’ fabelhaftem Romandebüt „Ferdydurke“ und schickte 1938 eine auf Deutsch geschriebene (verschollene) Erzählung an Thomas Mann, den er neben Kafka am meisten verehrte. In der Hoffnung, auch vom deutschsprachigen Publikum wahrgenommen zu werden. Das ist erst viel später geschehen: in den sechziger Jahren, als die Übersetzungen seiner Erzählungssammlung „Die Zimtläden“ sowie Aufzeichnungen und Briefe unter dem Titel „Die Republik der Träume“ erschienen. Seitdem gilt Bruno Schulz neben Stanislaw Witkiewicz und Gombrowicz als Polens Beitrag zur Weltliteratur des frühen 20. Jahrhunderts.

Maxim Biller, der gerade an einem tausendseitigen Roman arbeitet, begründet mit seiner Novelle ein wunderliches Königsreich der Träume. Thomas Mann gereicht ihm scheinbar nur zur Farce, doch könnte der fremde Dunkeldoppel-Mann plötzlich auch ein Agent, ein Spitzel der Deutschen sein, das ist der wahre Albtraumschatten der Geschichte. Und in Schulz’/Billers Winkeln der heimatlich-unheimlichen Stadt und eines Bestiariums der Menschentiere (Kinder und Schüler sind flatternde Vögel) steckt so viel verzweifelte Komik wie in Schulz’ Frauenbildern, in den devot begehrten Vorstadthuren und Dominamädchen.

Biller zeigt noch im Grotesken die Grazie. Er imaginiert, ohne den expressionistischen Wortzauber des realen Vorbilds zu imitieren, schwerelos und zugleich präzis verdichtet er die Fantasien und Befremdungen der Erzählfigur. Ein zu Boden rollender Bleistift scheint da gleich einer Maus zu entwischen, um Seiten später mit lauerndem Katzenblick wieder geschnappt zu werden. „Dann klappte er das schwarze Notizbuch mit dem leeren Etikett auf dem Deckblatt zu und streichelte, als wäre er nicht selbst, sein Gesicht.“ So geht ein feiner Riss durch Bruno Schulz – und spaltet bald die Welt.

Maxim Biller: Im Kopf von Bruno Schulz. Novelle. Mit 6 Zeichnungen von Bruno Schulz. KiWi, Köln, 70 Seiten, 16,99 €. Der Autor stellt das Buch im Gespräch mit Michael Krüger am 11. November um 20 Uhr im Deutschen Theater Berlin vor.

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