Neues Album : Reden im Regenwald

Zitate-Zauber: Andrew Butler und sein Projekt Hercules & Love Affair erforschen auch auf ihrem zweiten Album "Blue Songs" die Disco-Geschichte.

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Multi-Subkulti. Kim Ann Foxman, Mark Pistel, Shaun Wright, Andrew Butler und Aerea Negrot sind Hercules & Love Affair. Foto: Promo
Multi-Subkulti. Kim Ann Foxman, Mark Pistel, Shaun Wright, Andrew Butler und Aerea Negrot sind Hercules & Love Affair. Foto: Promo

„Multikulti ist tot“, erklingt seit Monaten der Schlachtruf von konservativer Seite. Doch was schon gesellschaftspolitisch bloß die provokative Negation einer linken Utopie ist, gilt für die Popmusik erst recht nicht. Wohl nie zuvor haben Menschen mit den unterschiedlichsten ethnischen, sozialen, religiösen oder sexuellen Hintergründen so selbstverständlich zusammengearbeitet wie in den zahllosen Nischenkulturen der Gegenwart.

Das in New York beheimatete Musikerkollektiv Hercules & Love Affair etwa ist in seiner aktuellen Formation der Traum jedes Multikulti-Apologeten, wie auch Bandgründer Andrew Butler weiß: „Wir haben eine Latina, einen Afroamerikaner, eine Filipina, Schwule, Lesben und noch dies und das“ – verteilt auf bloß fünf Personen, wohlgemerkt.

Butler, ein 32-jähriger, aus Denver stammender Musikverrückter, der schon als Halbwüchsiger in New Yorker Schwulenclubs Platten auflegte, ist die treibende Kraft hinter der Band. Mit dem zweiten Album „Blue Songs“ hat sich das Line-up verwandelt: Neben Butler ist nur Sängerin Kim Ann Foxman von den Akteuren übrig geblieben, die vor drei Jahren mit einem brillanten Debüt reüssierten.

Auf „Hercules And Love Affair“ frönte Butler seiner großen Liebe für die Discomusik der späten Siebziger. Über allem schwebte die sensationelle Single „Blind“, auf der Antony Hegarty die Hörer als hermaphroditischer Discogott in den Partyhimmel mitnahm. Doch sowohl Antony, der als schönste Opernstimme der Popmusik Erfolg hat, wie auch Nomi Ruiz, zweite maßgebliche Sängerin des Debüts und nun mit eigener Band unterwegs, sind Butler abhandengekommen. Er kompensiert das durch schillernde Neuzugänge. Die aus Venezuela stammende Aerea Negrot ruft mit ihrem voluminös-androgynen Alt noch am ehesten Erinnerungen an Antony wach. Neu am Mikro ist auch Shaun Wright, dessen charismatisches Organ geschmeidig durch soulige Refrains manövriert.

Kim Ann Foxman klingt beim blechern scheppernden „I Can’t Wait“ wie eine eisgekühlte New-Wave-Diva, kann aber auch ganz anders: Auf „Leonora“, dem butterzarten Duett mit Butler, und der elegischen Coverversion „It’s Alright“ zum Ausklang der Platte stellt sie eine ungeahnte Sensibilität aus.

„Blue Songs“ ist wie der Vorgänger eine virtuos mit Zitaten und Verweisen jonglierende Platte, doch Andrew Butler hat den Zeitrahmen seiner Historiografie verschoben. War das Debüt eine Hommage an die vom AIDS-Schock noch ungebrochene Euphorie der ersten Disco- Epoche, so widmet sich Butler nun dem folgenden Jahrzehnt. Songs wie „Painted Eyes“, „Falling“ und „Step Up“, auf dem Bloc-Party-Sänger Kele Okereke einen schönen Gastauftritt hat, orientieren sich mit ihren pumpenden Bassläufen, emblematischen Pianofiguren und Streichern am klassischen Chicago House der späten Achtziger. Das tropenfiebrige, mit säuselnder Klarinette schleichende Titelstück lässt dagegen an so etwas Entlegenes wie Thomas Dolbys „Mulu The Rain Forest“ aus dem Jahr 1984 denken. Für Musik-Nerds ist „Blue Songs“ somit eine Fundgrube: Man könnte mit Spezialisten vermutlich stundenlang darüber räsonieren, aus welchem Song dieser Halleffekt oder jener Bläsersatz entlehnt ist.

Doch so faszinierend diese Spurensuche auch ist, das Ergebnis lahmt an einem inneren Widerspruch: „Blue Songs“ ist eher eine Platte zum Reden über das Ausgehen und Tanzen als zum Ausgehen und Tanzen selbst. Vielleicht war Andrew Butler einfach schon zu lange im Nachtleben unterwegs, worauf auch der Umzug zurück in seinen Heimatstaat Colorado hindeutet, den er mit der Ruhelosigkeit seines New Yorker Daseins begründet.

Zwar ist es sympathisch, dass die Songs nicht mit Oberflächenreizen zum kalkulierbaren Hit ausformuliert werden. Andererseits würde man Butler manchmal genau jene Dosis Populismus wünschen, die etwa der junge Brite Colin Bailey beweist: Der zitiert sich mit seinem Einmannprojekt Drums Of Death wie besinnungslos durch die Großraumdisco- Sounds der letzten 20 Jahre. Und vergisst dabei aber nicht, genau jene Reflexzonen zu stimulieren, die einen unmissverständlich auf die Tanzfläche zwingen.

„Blue Songs“ erscheint am Freitag, 28.1., auf Moshi Moshi Records.

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