Neues Album von Erlend Øye : Der Sonnentänzer

Reggae trifft Yacht Rock: Der norwegische Musiker Erlend Øye und sein Soloalbum „Legao“. Eine Begegnung mit dem Ex-Berliner.

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Tiefenentspannt. Erlend Øye, 38, wohnt jetzt auf Sizilien.
Tiefenentspannt. Erlend Øye, 38, wohnt jetzt auf Sizilien.Foto: Bubbles Records

Der Mann hat die Ruhe weg. Legt sich zu Beginn des Interviews erst mal lang auf ein Sofa, das er mit seinen knapp zwei Metern Körpergröße lückenlos füllt. Nimmt sich Zeit beim Beantworten von Fragen, so lange, dass man manchmal unsicher wird, ob da jetzt überhaupt noch was kommt. Kommt dann doch was, klingt es meist, als führe Erlend Øye ein entspanntes Gespräch mit sich selbst, bei dem Zuhörer zwar nicht unerwünscht, aber auch nicht unbedingt vorgesehen sind.

Er lebt neuerdings auf Sizilien, vielleicht schaltet man da automatisch ein paar Gänge runter, wenn man ursprünglich aus dem nicht so sonnenverwöhnten Norwegen kommt. Vielleicht hat ihm auch der Reggae die Seele gelockert, der auf seiner am Freitag erscheinenden Platte den Ton angibt. Oder, plausibelste Erklärung, vielleicht war Erlend Øye ganz einfach nie ein Kind von besonderer Traurigkeit, obwohl seine Musik das mitunter vermuten ließ.

Er habe, sagt er selbst, in der Vergangenheit oft mit Leuten zusammengearbeitet, die melancholischere Musik machen wollten als er selbst. „Das bedeutete Kompromisse“, sagt der 38-Jährige nicht bedauernd, lediglich feststellend. Tatsächlich klingt sein Solo-Album „Legao“, über weite Strecken fast schon irritierend heiter, was nicht allein an der isländischen Reggae-Band Hjálmar liegt, mit der Øye das Album in Reykjavík eingespielt hat.

Auf "Legao" erklingen Hammond-Orgeln und Kopfstimmen-Chöre

Wer die melancholische Gitarrenakustik der Kings of Convenience noch im Ohr hat, jenes norwegischen Duos, als dessen eine Hälfte Erlend Øye in den nuller Jahren berühmt geworden ist, der wird ein paar Anläufe brauchen, um sich an den federnden Offbeat-Pop von „Legao“ zu gewöhnen. Kaum anders wird es den Fans von Øyes Berliner Band Whitest Boy Alive gehen, die im vergangenen Juni nach zwei Studioalben ihre Auflösung bekannt gab. Und erst recht führt von den diversen DJ-Projekten des Norwegers kein gerader Weg zu „Legao“.

Warum also Reggae? Øye lässt eine seiner charakteristischen Denkpausen verstreichen, bevor er antwortet: „Die meisten Songs sind sehr langsam. Damit sie tanzbar werden, brauchen sie einen Reggae-Rhythmus. Und wenn man Musik macht, die bis zu einem gewissen Grade traurig ist, dann ist es eine gute Idee, sie tanzbar zu machen.“

Im Ergebnis klingen die zehn Stücke des neuen Albums, in deren Texten man beim genaueren Hinhören dann doch einiges von der alten Øye-Melancholie wiederfindet, mit ihren Hammond-Orgeln und Kopfstimmen-Chören, mit ihren ziselierten Gitarrenläufen und sanften Bläserakzenten schwer nach Fleetwood Mac, oder nach Steely Dan, nach jener kalifornisch geprägten Sonnenmusik also, die man in den siebziger und frühen achtziger Jahren Yacht Rock nannte.

Es ist ein Vergleich, den Øye nicht ungerne hört. Im Grunde, sagt er, habe sich Band-Musik seit jener Ära klanglich kaum noch verbessert. Alle grundlegenden Aufnahmetechniken seien in jener Zeit entstanden, auch das Prinzip der Kollaboration, die Bereicherung des Band-Sounds durch Studiomusiker, sei dem Yacht Rock zu verdanken. „Musik, im Sinne von Sound, hat sich danach kaum weiterentwickelt“, sagt Øye. „Man kann sie nicht besser machen.“ Die unmittelbar nachfolgenden Stilrichtungen, fügt er hinzu, hätten dann nicht mehr auf die Perfektionierung des Sounds hingearbeitet, sondern auf seine Verzerrung. „Ich sage nicht, dass ich Grunge nicht mag. Ich bin bloß nicht der Typ, der ins Studio geht, um nicht gut zu spielen.“

Erlend Øye ist nach Sizilien gezogen

Man muss sich Erlend Øye also als glücklichen Menschen vorstellen, der im kalten Reykjavík den Reggae entdeckt und ansonsten im sonnigen Sizilien das Leben genießt, wo er, das erwähnt er nebenbei, mit seiner Mutter zusammenlebt, die es auf ihre alten Tage gerne ein bisschen wärmer haben wollte. Gelegentlich schreibt er nun auch Songs auf Italienisch, zuletzt die Single „La Prima Estate“, deren bonbonfarbenes Video wie ein sommerlicher Werbeclip der sizilianischen Tourismusbehörde daherkommt. „Legao“, der Name des neuen Albums, ist allerdings kein italienisches Wort, sondern ein erfundener Kunstbegriff. „Es klingt wie das, was die Japaner sagen, wenn sie ,Reggae’ sagen“, findet Øye. „Und es klingt nach Legato. Und nach Lego. Und nach ,legal', dem brasilianischen Wort für ,cool’.“

Eine Frage, die Øye nicht so gerne beantwortet, weil er sie in Berlin dieser Tage ständig beantworten muss, ist die nach dem Ende von Whitest Boy Alive, seiner ehemaligen Band, deren Auflösung er im Juni lapidar und begründungslos per Facebook-Ankündigung bekannt gab. „Ich sage den Leuten immer: Seht euch Bands an, solange es sie gibt, denn Bands lösen sich auf – das ist nun mal der Lauf der Dinge.“ Wieder folgt eine lange Denkpause. Er habe, sagt Øye dann, bei den letzten Auftritten von Whitest Boy Alive das Gefühl gehabt, dass die Band nichts Neues mehr entwickle. „Ich wollte mich nicht wiederholen, die anderen wollten nicht experimentieren. Daher die Auflösung.“

Über die Kings of Convenience, Øyes zweites Bandprojekt, das auch schon seit geraumer Zeit zu ruhen scheint, äußert sich der Musiker weniger eindeutig, aber auch hier klingt es, als gebe er der Zusammenarbeit mit seinem Ko-Musiker und Schulfreund Eirik Glambek Bøe nicht mehr viel Entwicklungspotenzial. Und er sei nun mal, fügt Øye hinzu, kein Mensch, der sich gerne wiederhole. Dass die Fans seinen stilistischen Sprüngen nicht immer sofort folgen können, daran habe er sich inzwischen gewöhnt. Schon als er sich von der elektronischen Musik dem ersten Album der Kings of Convenience zugewandt habe, sei er ständig gefragt worden, was das denn jetzt solle mit den Akustikgitarren, er sei doch DJ. „Später fanden dieselben Leute dann die Kings of Convenience toll“, sagt Øye. „Deshalb kann ich nur sagen: Vertraut mir. Ich weiß, was ich tue.“

„Legao“ erscheint am 3.10. bei Bubbles Records/ Groove Attack. Konzert: 11.10., 20 Uhr Astra Kulturhaus

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