Neues Album von Giorgio Moroder : Mach, was du willst!

Ein Disco-Pionier kehrt zurück: Auf seinem Album "Déjà Vu" gelingt Giorgio Moroder zwar kein guter Spannungsbogen - aber dafür eine Menge Ohrwürmer.

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74 ist das neue 24 findet Giorgio Moroder – inzwischen 75.
74 ist das neue 24 findet Giorgio Moroder – inzwischen 75.Foto: Anna Maria Zunino Noellert/Sony

Wahrscheinlich ist es die Wiederauferstehung des Jahres. Angefangen hat sie mit stampfenden Houserhythmen, seltsam wabernden, klingelnden und wischenden Geräuschen, aus denen sich eine sanfte Stimme erhebt: „My name is Giovanni Giorgio, but everybody calls me Giorgio.“ Das Stück heißt „Giorgio by Moroder“, mit ihm huldigte das französische Dancefloorduo Daft Punk auf dem 2013 erschienenen Album „Random Access Memories“ seinem Idol.

Giorgio Moroder erzählt hier, unterlegt von retrofuturistischen Sounds, die mimikryhaft seine Klassiker nachahmen, die Geschichte seines Lebens. Wie er mit 15, 16 Jahren als Gitarrist den großen Traum von einer Musikkarriere träumte. Wie er in Diskotheken Schlager sang und in seinem Auto schlief. Und wie er den Sound der Zukunft suchte und in Synthesizern und Computern die Erlösung fand. Die Lehre aus seinem Leben ist ein Appell zur Befreiung von Zwängen und Konventionen: „Once you free your mind about a concept of harmony and music being correct, you can do whatever you want.“

Vom Golfplatz ins Tonstudio

Do whatever you want: Der Aufforderung folgt Giorgio Moroder, inzwischen 75, indem er ein neues Album veröffentlicht, sein erstes seit mehr als 30 Jahren. „Déjà Vu“ soll noch einmal an die legendären Zeiten des Komponisten, Produzenten und Disco-Pioniers anknüpfen, der den Munich Sound erfand, die Weltkarriere von Donna Summer startete und mit seinen Soundtracks Hollywood eroberte. Durch den Daft-Punk-Song sei er „wieder ein bisschen ins Business reingekommen“, hat er dem öligen Moderator Markus Lanz in seiner ZDF-Talkshow erzählt. Bis dahin hatte der Italiener, der in einem Südtiroler Dorf mit Blick auf die Dolomiten aufgewachsen ist, in seiner Villa in Beverly Hills das Lebens eines Luxusruheständlers geführt. Golf gespielt, einen Supersportwagen konstruiert, einen Film gedreht. „Etwas sorglos herumgelebt“, wie Moroder sagt, und „eigentlich keine Lust mehr aufs Musikmachen gehabt“

Dann kam der Anruf der Franzosen, Moroder traf sich mit Guy-Manuel de Homem-Christo und Thomas Bangalter, flog nach Paris und wunderte sich, dass die beiden in ihrem Studio nicht mit ihm musizieren, sondern nur reden wollten. „Random Access Memories“ wurde ein weltweiter Erfolg, ein Nummer-Eins-Hit in den meisten europäischen Ländern – und Moroder hatte Plattenangebote von drei Firmen. Er entschied sich für Sony Music, und das Label schoss ein Budget vor, das nicht bloß für die bei Moroder ohnehin obligate State-of-the-Art-Produktion reichte, sondern auch zum Einkauf illustrer Gastsängerinnen und -sänger.

Allerdings gehören ausgerechnet die Aufnahmen mit den beiden prominentesten Stimmen zu den schwächsten Stücken von „Déjà Vu“. Kylie Minogue singt sich in der Durchhalte-Beschwörung „Right Here, Right Now“ durch die künstliche Aufgekratztheit von sturem Maschinengestampfe und stotternden E-Gitarren. Funktionsmusik ohne jeden Funk. Und Britney Spears interpretiert kühl, mit viel „Dep De Dö Dep“ und teilweise vocoderverfremdet „Tom’s Dinner“, Suzanne Vegas Song über ein New Yorker Café. Das Original war ein Acapellastück, mit elektronischen Beats unterlegt und auf die Tanzfläche geholt hatte es das DJ-Duo DNA schon 1990. Moroder gelingt es nicht, dem Titel Neues, Eigenes hinzuzufügen.

Erfolg mit der eisigen "Music Machine"

Giorgio Moroder war immer ein Avantgardist. Er benutzt stets das neueste Equipment, ist aber, wie sein Freund und zeitweiliger Mitarbeiter Michael Holm sagt, „nie abhängig vom Equipment“, um seine Soundvisionen zu verwirklichen. 1970 nimmt er den ersten deutschen Song auf, bei dem ein Synthesizer verwendet wird, „Arizona Man“ von Mary Roos. 1977 produziert er Donna Summers epochale Freudenbeschwörung „I Feel Love“, die komplett mit einem Moog-Synthesizer eingespielt wird und die Endlosbeats von House und Techno vorwegnimmt. „I Feel Love“ wird Moroders Eintrittskarte nach Amerika. Regisseur Alan Parker bestellt für seinen Film „Midnight Express“ einen Soundtrack, der ähnlich klingen soll. Die Arbeit bringt Moroder seinen ersten Oscar ein, weitere folgen für „Flashdance“ und „Top Gun“.

Anfangs hat Moroder auch selbst gesungen, die Single „Looky, Looky“ war sein erster Hit. Unter seinem eigenen Namen veröffentlichte er rund ein Dutzend Alben, von denen das Disco-Album „From Here To Eternity“ (1977) das erfolgreichste war. Kommerziell einträglicher sind die Arbeiten als Produzent und Komponist für Künstler wie Elton John, Blondie, Barbra Streisand, Chaka Khan oder Cher. Ihnen liefert der Musiker maßgeschneiderte Sounds, den Puls seiner mitunter als „eisig“ verschrienen „Music Machine“. Ein Album-Künstler war Moroder nie, das ist bei „Déjà Vu“ nicht anders. Zu disparat ist das Material, zu unausgegoren die Auswahl der Sängerinnen und Sänger. Es fehlt ein Spannungsbogen, die zwölf – in der Deluxeausgabe 14 – Tracks folgen beziehungslos aufeinander.

"...und ich fühl' mich genau wie sie."

Aber es gibt Hits, Stücke, denen man in den nächsten Wochen und Monaten bei den Radiostationen und in den Großraumdiskotheken garantiert nicht entkommen wird. Der ohrwurmige Titelsong „Déjà Vu“ etwa, bei dem die australische Sängerin Sia mit viel Hall und Pathos unterlegt eine altneue Liebe beschwört: „Two Souls / One Heart / Two Souls / One Path.“ Oder die Klavier-Streicher-Hymne „Don’t Let Go“, bei der der US-Singer-Songwriter Kikky Ekko knapp am Kitsch vorbeischrammend das Weitermachen feiert: „We can’t stop until our minds are free.“

Moroder macht weiter. Der persönlichste Track heißt „74 Is The New 24“. Er beginnt mit einem Sample von „Midnight Express“ und rattert technoid in eine superhedonistische Non-Stop-Disco- Schleife. Die Textzeile fiel Moroder ein, als er im letzten Jahr irgendwo in Amerika vor 30 000 Menschen auflegte. „Ich habe die ganzen Kinder gesehen, die da tanzten, und gedacht, die sind 24 oder 25, und ich fühl’ mich genau wie sie.“ Jetzt ist er 75, das heißt: eigentlich 25.

„Déjà Vu“ erscheint bei Sony Music.

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