Neues Album von Grizzly Bear : Bessere Welt klingt gut

Eines der großartigsten Rockalben in diesem Jahr: „Painted Ruins“ von der US-Band Grizzly Bear trotzt dem politischen Chaos mit luftigen Hits.

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Wechsel aus Systole und Diastole. Die Band Grizzly Bear.
Wechsel aus Systole und Diastole. Die Band Grizzly Bear.Foto: Promo

Es war viele Monate vor der damals noch unvorstellbaren Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten, am „Super Tuesday“, dem Tag mit den meisten Vorwahlen in den Bundesstaaten der USA. An diesem Tag gaben die vier Bandmitglieder von Grizzly Bear auf ihrer Facebook-Seite eine Wahlempfehlung für Bernie Sanders ab, mit dem die Band sich einmal getroffen hatte und ablichten ließ und den sie in der Folge wortreich in den sozialen Medien begleitete. Am deutlichsten vielleicht in einem Post von Sänger, Songschreiber und Gitarrist Ed Droste: „Ich unterstütze Bernie Sanders, weil ich keine Zukunft will, in der Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transpersonen und Mitglieder anderer Communities das Spiel mitspielen, um zu überleben. Dies ist kein Spiel. Dies ist unser Land und unser Leben.“

Zur selben Zeit hatten Droste und seine Kollegen, der zweite Sänger, Songschreiber und Gitarrist der Band, Daniel Rossen, Bassist Chris Taylor und Schlagzeuger Chris Bear begonnen, an einem neuen Album zu arbeiten, dem fünften seit ihrer Bandgründung in den frühen nuller Jahren in Brooklyn, New York. Als Sanders früh ausschied aus dem Präsidentenrennen und zu allem negativen Überfluss Donald Trump gewählt wurde, kommentierten Grizzly Bear das genauso niedergeschlagen wie zornig in den sozialen Medien. Erstaunlicherweise findet sich auf „Painted Ruins“, wie das erstmals auf einem Majorlabel (RCA) erscheinende Album heißt, von dieser Niedergeschlagenheit und dem Zorn nichts wieder. Es scheint, als habe die Band die politischen Trümmer, in denen die USA seit einigen Monaten liegen, aufs Hellste und Schönste übermalt, als habe sie sich ganz bewusst dem Impuls widersetzt, nun ein Album voller böser, unzugänglicher, harter Rockmusik, voller Anti-Trump-Lyrics zu produzieren, ein explizit politisches Album.

Überraschende Leichtigkeit

Wie gut, kann man nur sagen. Denn Grizzly Bear haben mit „Painted Ruins“ ihr bislang schönstes, geschlossenstes Album eingespielt und veröffentlicht. Es steckt voller luftiger Hits, Melodien und Wohlklang, ist vielleicht eins der schönsten (Indie-)Rockalben in diesem Jahr und lässt selbst das jüngste Werk von Arcade Fire, „Everything Now“, plump wirken. Das war einerseits vor dem politischen Hintergrund, vor dem es entstanden ist, nicht unbedingt zu erwarten, andererseits nicht bezüglich der musikalischen Herkunft der Band.

In den nuller Jahren wurden Grizzly Bear wegen ihrer teilweise düster-melancholischen Anleihen beim Folk der sechziger und siebziger Jahre, wegen der vielen psychedelischen Splitter in ihren Songs, wegen der vielen Brüche und barocken Vertracktheiten darin, gern zur „New Weird America“-Bewegung um Animal Collective, Joanna Newsom oder Devendra Banhart gerechnet. Am Ende war in dem zauselbärtigen Rock von Grizzly Bear jedoch immer mehr Iron & Wine drin und noch viel mehr Fleet Foxes, nicht zuletzt wegen des zart-zerbrechlich-wunderbaren zweistimmigen Gesangs von Droste und Rossen. Mit „Shields“, ihrem 2012 veröffentlichten Album, bewegte sich die Band zunehmend in Richtung Pop; einem Pop, der dann angeblich auch in Coffeeshops und Apple-Läden einschlägiger Metropolen gespielt wurde, trotz so mancher Unzugänglichkeit.

Indierock, Prog-Rock, Flower Power

Tatsächlich hat man jetzt erst den Eindruck von einer schön auf Hochglanz polierten Oberfläche. Unter dieser finden sich trotzdem die vielen folkigen, die psychedelischen und auch die pro-grockistischen Teile, die in ihrer Summe den typischen Grizzly-Bear-Sound ausmachen, den „sound of distant shots/and passing trucks“, wie es einmal heißt, der dem Herzen innewohnende Wechsel aus An- und Entspannung, aus Systole und Diastole.

„Mourning Sound“ ist ein schön treibender, hochmelodiöser Indierocksong, „Aquarian“ ein zunächst gemächlich dahinstolperndes Prog-Rock-Stück mit vielen Plings hier, manchem Drum-Wumms dort, „Four Cypresses“ und „Three Rings“ sind dezent anpsychedelisiert, und nach dem Hören von „Cut Out“ hat man den Eindruck, sich auf einer Zeitreise in die bunten Flower-Power-Sechziger zu befinden. Dazu erheben Droste und Rossen ihre hohen Stimmen und geben den Songs ihren ultimativen Ausdruck und Zusammenhalt.

Von endenden und nie zu Ende gehenden turbulenten Beziehungen singen sie in ihren Songs, von einer Zeit der Zweifel und Neu-Orientierung (in Brooklyn etwa wohnt keins der Bandmitglieder mehr, sondern in L. A. und Santa Fe). Am besten und knuffigsten drückt sich das alles in der Zeile „It’s chaos, but it works“ aus: Es ist Chaos, aber es funktioniert. Die Aufnahmen zu diesem Album, die Zeit, in der es eingespielt wurde, das Leben überhaupt, das sich lange nicht mehr so unbeschwert gestaltet wie einst im Brooklyner Hipster-Bezirk Williamsburg, privat, politisch. Aber was hilft es? Dem lässt sich nur mit einem gewissen Eskapismus, mit Schönheit, einem schönen Kunstwerk begegnen. Politisch betätigen kann man sich auch anderswo. In einer besseren Welt würden vermutlich noch viel mehr Menschen Grizzly-Bear-Songs hören. Nur wird es diese bessere Welt vermutlich nie geben.

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