Neues Album von Macklemore & Ryan Lewis : Kinder, ihr müsst Gedichte lesen

Gesellschaftskritik für Teenager: Das Hip-Hop-Duo Macklemore und Ryan Lewis hat mit "This Unruly Mess I’ve Made" einen gefälligen Nachfolger seines Erfolgsalbums "The Heist" produziert.

Fabian Wolff
Das Hip-Hop-Duo Macklemore und Ryan Lewis.
Das Hip-Hop-Duo Macklemore und Ryan Lewis.Foto: Warner

Bei jedem Rap-Konzert eines Helden aus den Neunzigern gibt es diesen Moment: Der MC hält das Mikrofon in die Menge und will wissen: „Do you love Hip-Hop!?“ Und die ganze Menge ruft „Hell yeah!“

Man kann sich Ben Haggerty alias Macklemore sehr gut in dieser Menge vorstellen, vielleicht mit einem Hut, damit man ihn nicht erkennt. Er schwelgt in Erinnerungen an seine Kindheit – bis ihn jemand erkennt und ihm ins Gesicht spuckt. Denn für echte Rap-Fans ist dieser Macklemore eine Hassfigur, spätestens seit jener Grammy-Verleihung vor zwei Jahren, bei der er und nicht Kendrick Lamar als bester Newcomer ausgezeichnet wurde und überdies in drei der vier Rap-Kategorien gewann.

Macklemores Album „This Unruly Mess I’ve Made“ beginnt genau mit diesem Abend in Los Angeles, an dem sein Leben endgültig zu einem „heillosen Durcheinander“ wird. Macklemore sitzt nervös auf dem Rücksitz einer Limousine und ist angeekelt vom Pomp, in den er geworfen wird. Der Beat von Produzent Ryan Lewis klingt nach entschärftem Kanye West – orchestrale Pracht und entfremdete Elektro-Klänge auf der Suche nach Soul –, aber Macklemore ist weder Genie noch wahnsinnig. „Light Tunnels“ ist ein Song über Ruhm, aber Macklemore pocht darauf, ganz normal geblieben zu sein.

Gegen Homophobie und für die Homo-Ehe

Dabei stieg er innerhalb von zwölf Monaten zu einem der größten Popstars des Hip-Hop auf, dessen Songs weltweit auf Platz eins der Charts gehen und dessen 2012 erschienenes Album „The Heist“ sich alleine in den USA 1,5 Millionen Mal verkauft hat. Sein Erfolg hing vor allem mit den Singles „Thrift Shop“ und „Same Love“ zusammen. Ersterer war eine nicht unclevere Dekonstruktion von Rap-Bling. Statt über teure Autos und Schmuck zu protzen, gab Macklemore damit an, in Second-Hand-Läden für wenig Geld Kroko-Schuhe zu erstehen. In „Same Love“ sprach er sich gegen Homophobie und für die gleichgeschlechtliche Ehe aus.

Beide Songs waren immer noch als Hip-Hop erkenntlich, aber auch Pop-kompatibel genug, dass sie im Mainstream- Radio gespielt werden konnten. So erreichte er ein Publikum, das Hip-Hop eigentlich nicht mag, bis auf Macklemore eben. Nicht nur der Zeitgeist, auch seine Hautfarbe halfen ihm dabei. Macklemore ist weiß – er sieht ein bisschen wie Boris Becker aus – und kommt aus Seattle, nicht Compton oder Atlanta.

Die Rap-Geschichte ist voll von weißen Typen (und inzwischen auch Frauen), die halbwegs kompetent ein paar Zeilen aneinanderreihen können und sofort einen Plattenvertrag bekommen und nach oben geschoben werden. Asher Roth, Kreyashawn und natürlich Vanilla Ice sind nur ein paar Beispiele. Nach einem, vielleicht zwei Hits sind sie dann wieder verschwunden.

Um als weißer Rap-Künstler auch von der Szene respektiert zu werden, muss man wiederum Respekt zeigen. Zwar ist Hip-Hop nie nur schwarz gewesen – auch Puerto Ricaner waren an seiner Geburt in der South Bronx beteiligt –, aber um sich als Weißer dauerhaft zu etablieren, muss man entweder technisch brillant wie Eminem oder musikalisch progressiv wie die Beastie Boys sein. Vor allem darf man Rap nicht einfach als Sprungbrett zur persönlichen Bereicherung benutzen. Macklemore ist 1983 geboren, also buchstäblich mit Hip-Hop aufgewachsen. Er will beweisen, dass er die Kultur ernst nimmt und ihre Geschichte kennt. Der neue Song „Buckshot“ ist Graffiti-Sprayern gewidmet und verweist damit auf die vier Elemente des Hip-Hop. Der Rap-Purist KRS-One segnet Macklemore mit einem Gastvers, während Über-Produzent DJ Premier Piano-Loops aus dem Golden Age mitgebracht hat.

Das Duo läd Rap-Legenden ein und gibt ihnen Statistenrollen

Auch auf der Vorab-Single „Downtown“ will Macklemore sein Geschichtsbewusstsein unter Beweis stellen und hat sich Grandmaster Caz, Melle Mel und Kool Moe Dee ins Studio geholt. Die drei Oldschool-Legenden müssen sich jedoch einen Vers teilen. Der Song klingt auch nicht wie „Wild Style“, sondern wie das Titellied eines Broadway-Musicals, das hoffentlich nie geschrieben wird. Und von der im Albumtitel angesprochenen Unordnung („mess“) gibt es im Retro-Funk, den Ryan Lewis hier präsentiert, keine Spur. Selbst Mark Ronson hat das mit „Uptown Funk“ schmutziger hinbekommen.

Ein Album, das niemanden herausfordert

Überhaupt scheint das Ziel von Macklemore und Ryan Lewis zu sein, ein möglichst gefälliges Album zu produzieren, das niemanden herausfordert. Dabei bedienen sie sich bei fünf Jahre alten Trends und dem Sound diverser Rapper aus Chicago. Neben Kanye West haben sie auch das noch schmale Werk von Chance the Rapper studiert, dessen Mixtape „Acid Rap“ vor drei Jahren Gospel-Harmonien mit leisem Psychedelia-Gefreake verband. Der junge Chance hat auch einen Gastauftritt, den er offensichtlich schwer übermüdet und genervt aufgenommen hat. Aber selbst ein müder Chance ist noch in der Lage, mit einer einzelnen bitteren Zeile wie „now the white girls at the show call me nigga“ mehr auszusagen als Macklemore mit einem ganzen Song.

Macklemore gehört nicht zu den wenigen wahnsinnigen weißen Rappern, die in einem Anflug von Anmaßung und Überprojektion anfangen, das N-Wort zu benutzen. Aber auch er muss sich den Vorwurf gefallen lassen, auf dem schmalen Grat zwischen Respekt und Aneignung immer mal wieder nach rechts auszuschlagen. Der aus Seattle an der Grenze zu Kanada stammende Spross einer irischen Familie klingt mal nach Oakland, mal nach Dirty South und mischt seinem Flow manchmal sogar Patois unter. Kurz er klingt so, wie sich ein weißes Publikum einen schwarzen Rapper vorstellt.

Dass er trotzdem auf der richtigen Seite steht, will er mit Referenzen an afroamerikanische Kultur auch jenseits von Hip-Hop beweisen. Seiner Tochter empfiehlt er im Song „Growing Up“, später das Gedicht „Raisin in the Sun“ von Langston Hughes zu lesen. Dass das Gedicht mit der berühmten Zeile „Was geschieht mit einem aufgeschobenen Traum? Vertrocknet er wie eine Rosine in der Sonne?“ eigentlich „Harlem“ heißt, scheint er nicht zu wissen.

„Growing Up“ ist das Herzstück des Albums. Hier fasst Macklemore sein Ethos zusammen und will sich auch als feministischer Verbündeter zeigen. Er erklärt seiner Tochter, dass Frauen stark sind und freut sich auf den Moment, an dem sie nicht ihren Jungen, sondern "ihr Mädchen" zum Abschluss ausführt. So subtil verpackt Macklemore seine Botschaften aber nicht immer.

Achtung Kinder: Fast Food macht dick

In „Kevin“ klagt er die amerikanische Pharmaindustrie an – und ist dabei gefährlich nah an der Behauptung, dass Antidepressiva überflüssig seien. In „Let’s Eat“ stellt er fest, dass Fast Food zwar schmeckt, aber auch viele Kalorien enthält. Und bei „Need to Know“ wirft er sogar ein kontextloses „Capitalism!“ als Universalvorwurf in den Raum. Für Macklemore sind das offenbar neue Einsichten, die er nun dringend teilen möchte. Und das minderjährige Publikum, das er ansprechen will, profitiert vielleicht wirklich von diesen Neuigkeiten. Das ist sein Erfolgsgeheimnis: Macklemore ist der Rolf Zuckowski des Rap.

„This Unruly Mess I’ve Made“ erscheint bei Warner. Berliner Konzert: 14.3., 20 Uhr, Mercedes-Benz-Arena

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