Neues Album von Ron Sexsmith : Sorge dich nicht, träume!

Pop, der zu schön ist für die Hitparade: Ron Sexsmith und sein Album „The Last Rider“.

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Spätrömische Dekadenz. Ron Sexsmith (in Rot) mit seiner Band.
Spätrömische Dekadenz. Ron Sexsmith (in Rot) mit seiner Band.Foto: Cooking Vinyl

Es gibt keine Gerechtigkeit, schon gar nicht im Pop. Wahrscheinlich kann jeder Freund der gepflegten Unterhaltungsmusik eine Liste zusammenstellen mit den meistübersehenen und am tragischsten gescheiterten Helden des Rock’n’Roll-Business. Warum erreichten die großartigen Remains nicht mal einen Bruchteil des Erfolgs der Beatles? Wer redet noch von Nikki Sudden, Elliott Smith oder den Chameleons? Und was macht eigentlich Robyn Hitchcock? Klar, der macht immer weiter. Gerade ist von ihm eine neue Platte erschienen. Nur, dass deshalb die Erde nicht stillstand.

Aber hier soll die Rede sein von einem anderen Künstler, der unbedingt in diese Galerie der „Beautiful Losers“ (Leonard Cohen) gehört. Ron Sexsmith schreibt seit fast dreißig Jahren die schönsten und schwelgerischsten Songs, die niemals Hits werden. Auch „The Last Rider“, sein 15. Studioalbum, das am Freitag herausgekommen ist, wird wohl wieder nicht über die Plätze 100, 97 oder 48 hinauskommen, seine höchsten Notierungen in den britischen Charts. Dabei ist es, wie immer bei Sexsmith, eine gute Platte.

Was er beim jahrzehntelangen Veröffentlichen gelernt habe, hat der „Guardian“ ihn einmal gefragt. „Dass man damit nicht wirklich Geld verdienen kann. Ich wenigstens nicht“, hat der Sänger geantwortet. „Aber ich habe es mir wohl so ausgesucht.“ Sexsmith, vor 52 Jahren in der kanadischen Provinz Ontario geboren, lebt heute mit Ehefrau und zwei Kindern in Toronto. Er hat sich von Auftritten in Cafés und Bars und ersten Indie-Aufnahmen bis zu einem Vertrag mit einem Majorlabel 1995 hochgearbeitet. Da war er 30, schlug sich als Kurierfahrer durch und glaubte, „dass mir das wohl niemals passieren würde“.

Die countryselige Liebeserklärung handelt von der Angst vorm Scheitern

Ein Märchen. Vielleicht auch ein Albtraum. „Is all this disappearing?“, fragt Sexsmith nun in „Dead End Street“, einer countryseligen Liebeserklärung, die gleichzeitig von der Angst vorm Scheitern handelt. „Are we at the end of a dead end street?“ Sackgassen haben keinen Ausgang, Happy End unmöglich. Im Kern ähneln sich die Lieder von Sexsmith bis heute. Sie sind zwischen zweieinhalb und vier Minuten lang, ein ideales Pop-Format, ihre Stimmung balanciert zwischen Melancholie und Übermut, und die introspektiven Texte erzählen so gewitzt wie sprachverspielt von den einfachen Dingen des Lebens. „You’re looking for the shoreline in your mind“, singt Sexsmith zu einer Akustikgitarre und arg wehmütigen Geigen. Die Küstenlinie der eigenen Seele zu finden, das muss man sich wohl als poetische Grenzexpedition vorstellen. Und eines der schönsten, eher karg instrumentierten Stücke des Albums gibt eine Durchhalteparole aus: „If your dreams are bigger than your worries you never have to worry about your dreams.“ Sorge dich nicht, träume!

„The Last Rider“ wird als Sexsmiths erstes wirkliches Bandalbum beworben, weil es mit seiner Tourband in einem Studio am Lake Ontario aufgenommen wurde. Dabei unterscheidet sich der Sound bloß mikroskopisch von den früheren Platten. Vielleicht klingt jetzt alles ein wenig abgeklärter und geschlossener. Die schwächeren Songs leiden unter einer gewissen Altmusikerroutine. Don und Ron Kerr, die Produzenten, begleiten den Sänger schon seit seinen Anfängen. Bis heute, sagt Sexsmith, zehre er von zwei Einflüssen: den Folk-Sängern und den Bands der British Invasion, den Beatles also, den Kinks oder den Who.

Aus dem Singer-Songwriter ist ein großer Pop-Komponist geworden. In Zeiten, als Pop noch eine streng arbeitsteilige Angelegenheit war, wäre aus ihm vermutlich ein hochbezahlter Musikverlagsautor geworden, der vom Brill Building am New Yorker Broadway aus weltweit Stars beliefert hätte. Er hat mit Paul McCartney und Elvis Costello gejammt, wurde von Chris Martin, Rod Stewart und Bill Frisell gerühmt. Möglicherweise gibt es einen Moment, der den Musician’s Musician um die Weltkarriere gebracht hat. Ron Sexsmith war nicht zu Hause, als einmal das Telefon bei ihm klingelte. So konnte Elton John nur eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen: Sexsmiths Album „Time Being“ sei gerade seine Lieblingsplatte.

„The Last Rider“ ist bei Cooking Vinyl/Sony erschienen.

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