Neues Album von Sharon Van Etten : Selbsttherapie einer Songwriterin

Trennung vom Macho-Freund. Angstattacken. Mietrückstände. Obdachlosigkeit. Und jetzt dieses befreiende Album: "Tramp". Ein Porträt der New Yorker Songwriterin Sharon Van Etten.

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Kämpferin. Sharon Van Etten musste viele Rückschläge wegstecken. Foto: Dusdin Condren
Kämpferin. Sharon Van Etten musste viele Rückschläge wegstecken. Foto: Dusdin Condren

Jetzt einfach nur weiteratmen. Den Kopf zwischen die Beine hängen und hoffen, dass da jemand ist, der deine Hand nimmt. Am Besten, er redet ein bisschen mit dir, dann geht es schneller vorbei. Auch ein Mantra kann helfen, zum Beispiel der Satz „I’m alright“. Sag ihn so lange vor dich hin, bis er stimmt.

„We Are Fine“ heißt diese in einen Song gegossene Anleitung zum Überstehen von Panikattacken. Er stammt vom kürzlich erschienen dritten Album der New Yorker Songwriterin Sharon Van Etten. Sie weiß, wovon sie da singt: Sie leidet an einer Sozialphobie, die zu Angstanfällen führen kann – vor allem, wenn sie von vielen Menschen umgeben ist. Es hilft ihr, mit jemandem zu reden, und so singt sie „We Are Fine“ auch nicht allein. Ungefähr in der Mitte des Songs kommt die Stimme von Zach Condon dazu, Kopf der Alternative-Folk-Band Beirut. Auch er kennt Panikschübe aus eigener Erfahrung, was das Lied zu einer Art MiniSelbsttherapie macht – einer äußerst wohlklingenden. Aus einer einfachen folkigen, von Ukulele und Klavier gespielten Begleitung entwickelt sich nach und nach ein erhabenes, von Streichern und Schlagzeug gestütztes Songgebilde, dessen sanftes Schwanken einen enormen Charme entfaltet.

Das Stück zählt zu den Höhepunkten des Albums „Tramp“, mit dem es Sharon Van Etten gelingen könnte, ihren Status als „Amerikas bestgehütetes Geheimnis“ („The Observer“) hinter sich zu lassen. Sowohl die US-amerikanische als auch die britische Musikpresse sind begeistert. Der „New Musical Express“ gab für die Platte sogar neun von zehn Punkten und nannte sie eine der besten des jungen Jahres. Auch wenn sich der Zauber von „Tramp“ erst allmählich erschließt, ist das Lob verdient. Die zwölf Stücke wirken nicht im konventionellen Sinne eingängig, und sie verweigern sich immer wieder dem Strophe-Refrain-Schema. Oft scheint es Sharon Van Etten mehr um den Sound und die Atmosphäre zu gehen als um einen Melodiebogen. Besonders deutlich zeigt das „I’m Wrong“, bei dem ihr Gesang von einem unheilvoll dräuenden Drone umspült wird, über den ein hektisches Glockenspiel tänzelt. Das ist pure Beklemmung.

Mitunter erinnert Sharon Van Etten an die frühe Cat Power oder an PJ Harvey, deren „Stories From The City Stories From The Sea“-Album den Opener „Warsaw“ hörbar beeinflusst hat. Die 30-jährige Sängerin kann aber auch anders: In „Give Out“ stellt sie ihre markante Altstimme in den Vordergrund, begleitet von einer Akustikgitarre und einem halligen E-Gitarren-Lick. Das Lied läuft auf einen betörenden Refrain zu: „You’re the reason why I’ll move to the city or/Why I’ll need to leave.“ Die Gesangsspur ist hier – wie auf dem Rest des Albums – größtenteils gedoppelt, was die Intensität noch erhöht.

Diese Technik wendet Van Etten schon seit ihrem ersten Album „Because I Was In Love“ (2009) an. Damals war die aus New Jersey stammende Musikerin noch eine reine Singer-Songwriterin. Gitarre, Schellenkranz und ein bisschen Orgel genügten für die Instrumentierung ihrer melancholischen Liebeslieder. Selbsttherapie war auch hier ein Antrieb: Van Etten verarbeitete die fünfjährige Beziehung zu einem Musiker in Tennessee. Er hatte ihr immer wieder gesagt, dass ihre Songs nichts taugten, und sogar ihre Gitarre versteckt. Eines Nachts raffte Van Etten ihre Sachen zusammen und verließ ihn.

Auch das Mini-Album „Epic“ (2010) trägt noch Spuren dieser Geschichte. Musikalisch wagte sich Van Etten voran und probierte eine volle Bandbesetzung aus. Das funktionierte so gut, dass sie auf „Tramp“ in dieser Richtung weitermacht. Dabei ist sie offenbar zum Crescendo-Fan geworden, was man etwa bei der Single „Serpents“ hören kann. Von einem achtelnden Bass und einer militärisch tönenden Snare angetrieben, dreht sich das Stück hochtourig auf der Stelle. Seiner Wirkung tut das keinen Abbruch – man möchte ewig in diesem schillernden Krachkreisel stecken bleiben.

„Tramp“ ist Sharon Van Ettens bisher ausgefeiltestes Album. Dass es unter äußerst schwierigen Bedingungen entstand, merkt man ihm nicht an. So ist der Titel wörtlich gemeint. Während der Aufnahmen, die sich über 14 Monate hinzogen, hatte die Musikerin keine Wohnung. Sie konnte sich die Mieten in New York nicht mehr leisten, besaß nur noch ihr Auto, das mit ihren Habseligkeiten vollgestopft war.

Zum Glück waren ihr ein paar Freunde geblieben, bei denen sie unterschlüpfen konnte. Auf rund zehn Schlafplätze kam sie schließlich. Ein Anker war dabei das Garagenstudio von The-National-Gitarrist Aaron Dressner in Brooklyn. Hierher kam Van Etten immer wieder zurück, arbeitete an den Songs und spielte sie zusammen mit Gastmusikern ein. Dressner fungierte als Gitarrist, Bassist, Keyboarder und Produzent.

Durchzuhalten hat sich gelohnt. Sharon Van Etten fand für „Tramp“ eine neue Plattenfirma, trat eine ausgedehnte Tour an und hat inzwischen sogar wieder eine Wohnung – ein kleines Dachgeschossapartment in Brooklyn. Und langsam rückt auch der scheußliche Exfreund in die Ferne: „Wanting to love as new as I can/Wanting to show I want my scars to help and heal“, singt sie in „All I Can“. Musikalische Selbsttherapie wirkt.

„Tramp“ ist bei Jagjaguwar/Cargo erschienen. Konzert: 6. März, 21 Uhr, Grüner Salon der Berliner Volksbühne

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