Neues Album von Thurston Moore : Das Bewusstsein von Rock

Vom Wesen und dem Zusammenspiel von Klang und Zeit: „Rock’n’Roll Consciousness“, das neue Album des Ex-Sonic-Youthlers Thurston Moore

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Thurston Moore, 58
Thurston Moore, 58Foto: imago/Italy Photo Press

Ein bisschen zum Fürchten ist er, dieser Titel des neuen Albums von Thurston Moore: „Rock’n’Roll Consciousness“. Was der amerikanische Rockmusiker damit wohl meint? Vielleicht so etwas wie einst Jochen Distelmeyer mit seiner Blumfeld-Songzeile: „Rock’n’ Roll hat meinem Leben einen neuen Sinn gegeben“? Ob Moore überhaupt etwas meinen will? Oder er diesen Titel einfach passend fand für seine gerade einmal fünf Songs, die auf dem Album zu hören sind, und zwar ganz frei von Ironie?

Es ist natürlich nicht so, dass Thurston Moore den Rock’ n’ Roll noch einmal neu für sich erfindet mit seinen inzwischen 58 Jahren, er seinem Werk entscheidend Neues hinzufügen will und kann. „Rock’n’ Roll Consciousness“ ist sein offiziell zweites Solo-Album nach der 2011 erfolgten Trennung von seiner Frau Kim Gordon, mit der er fast dreißig Jahre verheiratet war. Und mit der er den Nukleus von Sonic Youth bildete, dieser inzwischen schon legendären, nie wirklich alt werdenden oder aus der Zeit gefallenen New Yorker Underground-, Noiserock-, No-Wave-, Teilzeit-Grunge- und Vieles-mehr-Band. Als zwischen Moore und Gordon nichts mehr ging, war auch mit Sonic Youth Schluss, und Moore forscht seitdem mit wechselnden Musikern nach der Essenz des Gitarrenklangs.

Fünf Stücke, alle zwischen sechs und zehn Minuten

Wie für „The Best Day“, seinem 2014er-Album, haben ihm wieder sein alter Sonic-Youth-Kumpan Steve Shelley an den Drums, die My-Bloody-Valentine-Bassistin Deb Googe und der Gitarrist James Sedwards beim Einspielen der Songs geholfen, im Londoner Studio des Adele-Produzenten Paul Epworth. Dieser hat Moore nicht gleich den Pop und das Pathos in die Songs hereingearbeitet, sondern, so scheint es, zu noch mehr Konzentration auf das Wesentliche und zu einer Lärmreduzierung verholfen.

Die fünf Stücke sind allesamt kleine Epen, mehr noch: Rock-Meditationen, zwei davon über zehn Minuten lang, die anderen drei zwischen sechs und acht Minuten. Mal mit, mal gegeneinander scheinen die beiden Gitarren und der Bass zu spielen, meistens gemächlich-repetitiv, oft dramatisch auf ein treibendes, zwingendes Ende zusteuernd; sehr druckvoll unterstützt von Shelleys monotonem Schlagzeugspiel – aber stets auf der Suche nach der Tiefe des Raums, nach dem Wesen und Zusammenspiel von Klang und Zeit. Dazu kommt der Achtzigerjahre-Wehmutsgesang von Moore, der durchaus seinen Pop-Appeal hat, am schönsten in „Cusp“ und „Smoke of Dreams“.

Nicht, dass man all das nicht schon auf Sonic-Youth-Platten gehört hat, die Gesangspassagen von „Smoke of Dreams“ oder „Turn On“ klingen wie Remakes, die meint man von, na, „Washing Machine“ oder vielleicht „Rather Ripped“ zu kennen, egal. Trotzdem hat man nie den Eindruck einer Rock-Überholtheit. Oder dass Thurston Moore ein Nostalgiker oder Ewiggestriger ist, der mit seiner Musik schlecht altert. Das geht alles mehr in Richtung Klassiker, aber im positiven, zeitlosen Sinn.

„Rock’n’Roll Consciousness“ von Thurston Moore ist bei Caroline erschienen

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