Kultur : Neues Bauen am Rande Berlins: Eine Schule des Sehens

Falk Jaeger

Der Nachbar hat sein Häuschen aus den fünfziger Jahren gerade mit einer schmucken Barocktür geadelt. Ein paar Schritte weiter ein norddeutsches Krüppelwalmdachhaus, mit einer Backsteinhaut verkleidet, die Fenster mit unechten Sprossen in Aspik. Fehlt nur noch das friesische Reetdach. Bausparers Traum: Im Berliner Speckgürtel, wo die Grundstückspreise noch in erklimmbaren Höhen liegen, wird er hemmungslos in die Welt gesetzt. In Kleinmachnow ist man stolz, neuen Wohlstand mit den zugehörigen Insignien zeigen zu können und weiß, wie die auszusehen haben. Die Kolonie ehemals schlichter Satteldachhäuschen betrachtet sich heute als Villenviertel; und wenn sich seit kurzem "Stadtvillen" mit mehreren Wohnungen untermischen, einerlei, so sie dem Bild entsprechen, das man im Bauamt von einer Villa hat.

Verständlich, dass die Beamten den Plan misstrauisch beäugten, den ihnen die Architekten Peter Herrle und Werner Stoll vorlegten. Ein Einfamilienhaus mit Flachdach, zusammengefügt aus zwei lang gestreckten, schmalen Körpern, das als Villa anzusprechen den an Wandlitz-Ästhetik geschulten Baubeamten schwerfiel. Erst die übergeordnete Behörde gab die Pläne frei. Ein flaches Satteldach auf dem größeren der beiden Riegel war Entscheidungshilfe und tat dem Entwurf gut, weil es dem Wunsch nach dem vertrauten Typus entspricht. Inzwischen ist das Haus in Fachkreisen bekannt und mit dem Preis der Reiners-Stiftung als innovatives Holzhaus ausgezeichnet.

Warm und kalt signalisiert der Bau nach außen; warm der mit einer Lärchenholzlattung verkleidete Wohntrakt, kalt der dienende Bauteil mit den Nebenräumen - Windfang, Küche, Toiletten - als Kubus aus Sichtbeton. Zwischen beiden trennt ein schmaler Glaskörper mit der Flur- und Treppenzone die beiden Hausteile. Sonnenlicht flutet ins Treppenhaus, wirft dramatische Schatteneffekte an die Betonwand, spielt mit den Treppenstufen. Die Treppe, auf flache, aus der Wand kragende Betonbalken reduziert, wird in diesem Licht zum skulpturalen Element im Raum.

Das Obergeschoss bietet vier Zimmer und eine Sonnenterrasse im Wohntrakt, eine Schreibtischnische, einen großzügigen Schrankraum und das Badezimmer im schmaleren Betontrakt. Beide Raumfolgen sind miteinander über schmale Brücken durch das gläserne Treppenhaus verbunden. Es ist dieser im täglichen Gebrauch des Hauses ständig erlebte Kontrast zwischen unterschiedlich gestimmten Räumen, zwischen hellen, offenen und dunkleren, bergenden - ein anregender Wechsel, eine Art Gemüts-Aerobic, der das Leben bereichert. Und das Haus ist eine Schule des Sehens. Es zeigt die Schönheit des Lichts, des geformten, des modellierten, des modulierten. Es zeigt die Schönheit der einfachen Materialien, des Holzes, des Metalls, ja des Betons, wenn man damit umzugehen versteht. Und es zeigt die Schönheit des Maßes, der Ordnung der Dinge, der Präzision, mit der jedes Profil, jede Fuge, jeder Beschlag bedacht, geordnet, hergestellt und gefügt ist, damit das Auge wohlgefällig darauf ruhe. Vieles ist anders in diesem Haus als gewohnt, manchmal überraschend, etwa der Fußboden aus Bambus-Parkett, nicht einmal besonders teuer, doch extrem hart und widerstandsfähig.

So strahlt das Haus eine Gelassenheit aus, die sich dem Bewohner wie dem Besucher mitteilt. In dieser Gemütsverfassung lassen sich Dutzende von Barocktüren und Hunderte von Gartenzwergen aushalten.

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