Kultur : Neues Bauen in Berlin: Das Zeichen an der Wand

Falk Jaeger

Ein sechs Geschosse hohes "X" macht die Passagiere der S-Bahn neugierig, die zwischen Bahnhof Friedrichstraße und Lehrter Stadtbahnhof rechter Hand den Blick hinauswerfen. Vielleicht soll es auch ein Seezeichen darstellen, dieser merkwürdige Wandeinschnitt in der rot gemauerten Fassade. Jedenfalls wirkt es als zyklopisches Zeichen, diese signifikante Fensterformation in der Südfassade des Neubaus auf dem Gelände der Charité. Doch Zeichen wofür?

Die Berliner Architekten Hannelore Deubzer und Jürgen König, seit der Westbebauung des Rudolf-Virchow-Klinikums mit Erfahrung auf dem Gebiet des Baus von klinischen Labors, hatten 1994 einen beschränkten Wettbewerb gewonnen. Sie hatten Ordnung gebracht in die städtebauliche Partie zwischen dem 270 Meter langen Altbau der I. und II. Medizinischen Klinik und dem Stadtbahnviadukt - zumindest auf der Planzeichnung, denn an einen vollständigen Abriss der zu DDR-Zeiten hier ziemlich planlos angelagerten Versorgungsbauten war aus finanziellen Gründen noch nicht zu denken. Immerhin gelang es, durch den Ausbau des Virchowwegs als Grünzug den vor einem Jahrhundert von Kurt Diestel errichteten, an märkische Backsteingotik erinnernden Altbauten zu prächtiger Wirkung zu verhelfen. Deubzer und König reagierten nun auf die axiale Anlage und formulierten einige neue Baukörper, die den begrünten Straßenraum einfassen.

Einer der neuen Baukörper sollte unmittelbar realisiert werden, ein "Doppelinstitut" von imposantem Umfang. Das Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie und das Deutsche Rheumaforschungszentrum hatten sich zusammengetan, um Synergieeffekte zu erzielen und verschiedene Einrichtungen gemeinsam zu nutzen. Das war nun Aufgabe der Architekten, die komplexen innerbetrieblichen Abläufe einerseits und die Verknüpfungen der beiden Institute andererseits räumlich zu organisieren.

Schon bei der Westbebauung des Rudolf-Virchow-Klinikums hatten die Architekten ihr raffiniertes, "vierschiffiges" Funktionsschema entwickelt mit Büro, Flur, Geräteraum und Labor im Gebäudequerschnitt, das optimale technische Bedingungen, aber auch größtmögliche Raumhöhe und volles Tageslicht sowie beste Kommunikation für die Mitarbeiter bietet. Hier kam es nun zusätzlich darauf an, immunologische Sicherheitszonen (S1 und S2) zu schaffen, in manchen Bereichen Zweiflursysteme mit Schleusenanlagen zwischen reinen und unreinen Zonen. Der Querflügel des Hauses ist sogar mit S3-Labors ausgerüstet, ein Hochsicherheitstrakt, den nach Inbetriebnahme nur noch wenige Sterbliche betreten dürfen, denn selbst die Feuerwehr steht hier vor verschlossenen Türen. Das Wasch- und Duschwasser wird unverzüglich sterilisiert, Kleidung und anderes Material autoklaviert, das heißt, in Druckkammern sterilisiert. Selbstredend sind die Sicherheitseinrichtungen für alle nur erdenklichen Eventualitäten ausgelegt. Eingedrungenes Löschwasser zum Beispiel wird durch besondere Sperren zurückgehalten. Auf diese aufwendige Weise hofft man, dass niemals irgendwelche Erreger unkontrolliert entweichen können.

Die hohen hygienischen Anforderungen haben Auswirkungen auf alle Aspekte der Architektur, auf Entwurf und Detailausbildung, auf Lichtführung und Materialwahl. Nur mit Mühe gelang es, der eisigen Laborwelt etwas Charme abzugewinnen, in diese Labors indirekt Tageslicht einzubringen, damit die hier forschenden Spezialisten wenigstens einen Eindruck von Wetter und Tageszeit mitbekommen. Viele Kontaktmöglichkeiten zwischen außen und innen und eine begrünte interne Treppenhalle mit Aufenthaltsqualitäten erleichtern den während der Arbeitszeit in Quarantäne Eingeschlossenen das Dasein.

Und das Zeichen an der Wand? Ein x-Chromosom könnte es symbolisieren, oder eine Sanduhr ... sinniert der Architekt. Tatsächlich entsprang es wohl eher der Vorliebe der Architekten für die Formenwelt eines Louis Kahn, der seinen ansonsten streng funktionalistischen Architekturen mit ähnlichen Primärformen ein signifikantes Gesicht zu geben pflegte. Das große "X" markiert den Bauteil mit der axialen Eingangshalle, wenngleich unmittelbar hinter dem zeichenhaften Gebäudeeinschnitt lediglich Verwaltungsbüro und, in den oberen Geschossen, die Bibliothek liegen. Die Halle selbst ist eine erstaunliche Raumschöpfung, mit diagonalen Galerien, die aus dem geometrischen Kontrast zu den Rundformen des Eingangs, des Aufzugsturmes und des Querhauses sowie aus der dramatisch gekippten Treppenhauswand Spannung bezieht.

Vielleicht ist es ein wenig zu viel des Pathos, mit dem hier der Besucher empfangen und in die oberen Geschosse geleitet wird, zumal Aufwand und Bedeutung dieser architektonischen Aussagen in einem gewissen Missverhältnis zu den eingehausten Funktionen stehen. Nüchterner geben sich gegen die Außenwelt die Labors mit ihrer anthrazitgrauen, fast industriell wirkenden Glasfassade, doch schon die Giebelwände, aus rosa Betonsteinen gemauert und somit farblich ganz vorsichtig den Ziegelburgen der historischen Klinik angenähert, zitieren mit knappen Gesten die historistischen Backsteingiebel gegenüber: Historizismus also, Backsteingotik aus dritter Hand sozusagen.

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