Kultur : Neues Bauen in Berlin: Die Poesie der Leere

Matthias Grünzig

Die Mitte der Wissenschaftsstadt Adlershof gleicht zur Zeit noch einer Mondlandschaft. Zwischen Erdhügeln und Grassteppen erheben sich ein eiförmiger "Trudelturm", die Röhren von Windkanälen und verlassene Motorenprüfstände, die von der Geschichte Adlershofs erzählen. Denn bis 1945 dienten diese Relikte der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt, die am Rande des damaligen Flugplatzes Johannisthal forschte. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, das zugleich das Ende der Flugzeugforschung brachte, entwickelte sich jene Wildnis, die auch heute noch in Teilen von Adlershof vorherrscht.

Doch langsam gewinnt auch dieses Durcheinander Konturen. Denn in diesen Tagen nimmt genau hier das Institut für Chemie der Humboldt-Universität seine Arbeit auf. Der Entwurf stammt von dem Berliner Architekten Volker Staab, der sich in einem 1995 veranstalteten Wettbewerb durchsetzen konnte. Ihm gelang ein Bau, der die Hinterlassenschaften der Vergangenheit einfühlsam mit Neubauten zu verbinden vermag. Die Grundidee seines Entwurfes ist die Errichtung zweier Gebäude, die sich um einen fast quadratischen Platz gruppieren. Mit einer Breite von rund 130 Metern ist der Platz, an dem auch in Zukunft keine publikumsintensiven Nutzungen geplant sind, ungewöhnlich groß dimensioniert. Die Fassaden der Neubauten wirken geradezu asketisch. Sie sind durch weinrote Terracottaverkleidungen und schmale, hohe Fenster geprägt und strahlen eine fast schon klösterliche Strenge aus. Der Trudelturm, der Windkanal und der Motorenprüfstand, die ebenfalls in die Anlage einbezogen wurden, kommen vor diesem Hintergrund erst richtig zur Geltung. Sie ragen inmitten der Platzfläche auf und bilden mit ihren runden Formen einen wirkungsvollen Kontrast zu den strengen Gebäudefronten. Weit weniger Aufmerksamkeit widmet der Bau dagegen der rückwärtigen Max-Born-Straße. Hier lassen drei kammförmig angeordnete Flügel so etwas wie Hinterhofatmosphäre entstehen.

Obwohl der Platz noch immer eine Baustelle ist, entfaltet er schon jetzt seine Wirkung. Die verlassenen Forschungsstätten erscheinen inmitten des leeren Raumes wie rätselhafte Skulpturen. Sie verbinden sich mit den kargen Gebäudefronten des Neubaus und der Leere des Platzes zu einer surrealen Szenerie. Die Abwesenheit jeder Betriebsamkeit wirkt allerdings nicht bedrückend, sondern lässt eine Atmosphäre der Kontemplation entstehen. Dieser Platz hat alle Chancen, zu einem Ort der Besinnung zu werden. Gerade in der heutigen Zeit, da von Plätzen Trubel und Lebendigkeit verlangt wird, mutet dieser Platz der Leere wie ein Wunder an.

Die Großzügigkeit des Platzes setzt sich allerdings nicht im Innern der Gebäude fort. Vor allem im westlichen Gebäude, das Laboratorien und Büros beherbergt, dominieren schmale Gänge und kleine Foyers, die aufgrund der Raumhöhe von 2,85 Meter besonders eng wirken. Großzügige Orte, die Raum für Gespräche und Begegnungen bieten könnten, sind kaum zu finden. Aber auch im östlichen Gebäude, in dem Hörsäle und Seminarräume für den Studienbetrieb untergebracht sind, dürften Foyers und Gänge zu knapp bemessen sein.

Das Institut für Chemie ist nur der erste Baustein des Hochschulcampus in Adlershof. Im nächsten Jahr werden gleich nebenan das Institut für Physik und das Internationale Kommunikationszentrum mit einer Bibliothek eröffnen. Und für die Folgejahre ist die Ansiedlung der Institute für Biologie, Pharmazie, Psychologie und Geografie geplant. Bis zum Ende des Jahrzehnts sollen rund 4500 Studenten auf dem neuen Campus studieren.

Dennoch gibt es in Adlershof auch riesige Probleme. Noch immer fehlen Verbindungen zwischen dem Hochschulcampus und der übrigen Stadt. Der nächste S-Bahnhof ist über einen Kilometer entfernt. Und selbst zur nächsten Bushaltestelle sind es noch 250 Meter. Dass die geplante Straßenbahnlinie, die den Campus erschließen sollte, erst kürzlich wegen der Berliner Finanznot gestrichen wurde, macht die Lage noch schwieriger. Zudem fehlt der Wissenschaftsstadt ein Zentrum, wo sich Studenten und Wissenschaftler treffen können, das auch architektonisch den Mittelpunkt der Wissenschaftsstadt markiert. Obwohl mittlerweile fast zwei Milliarden Mark in das Gelände investiert wurden und hier 7400 Wissenschaftler arbeiten, fehlt noch jedes öffentliche Leben. Zwar wurde viel Geld für neue Straßen verwendet, die nach Ansicht der Planer zum "Selbstdarstellungsraum von Bürgern" avancieren und das "städtische Leben fokussieren" sollten. Doch von städtischem Leben ist in den leeren Straßen nichts zu spüren. Gleichzeitig mangelt es an Kulturangeboten und Gaststätten, die wirkliche Treffpunkte bieten könnten. Deshalb verlassen die Studenten und Forscher nach Dienstschluss eilig Adlershof, um in einladenderen Gegenden ihren Feierabend zu verbringen. Begegnungen, wie sie die Berliner Wissenschaftslandschaft beflügeln sollten, finden kaum statt.

Die Zukunft der Wissenschaftsstadt wird davon abhängen, ob es gelingt, Treffpunkte und Verkehrsverbindungen zu schaffen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass Adlershof ein teures Fragment bleibt. Für Forscher und Studenten dürfte ein derartiges Dauerprovisorium kaum attraktiv sein.

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