Kultur : Neues Bauen in Berlin: Ein kleines Dorf am Rande der Stadt

Claus Käpplinger

Einen langen Atem fordern nicht wenige Bauten ihren Architekten ab. Und dies besonders in einer Stadt wie Berlin, die in ihrer Geschichte viele Wechselfälle erleben musste, die wiederkehrend Prognosen und langfristige Planungen hinfällig machte. So erwartete man Anfang der neunziger Jahre mit der Wiedervereinigung einen grossen Bevölkerungszuwachs für Berlin. Für ein Mehr und nicht ein Weniger an Bevölkerung nahm man damals ehrgeizige Stadterweiterungsprojekte und viele neue Schulbauten in Angriff, die sich aber schon bald darauf als zu groß und zu kostspielig erwiesen.

Kaum jemand spricht heute mehr von den vielen Vorstädten, die auf grüner Wiese zumeist nur Torso blieben. Und auch nur am Rande nimmt man zur Kenntnis, dass viele Schulprojekte, die damals geplant, dann lange Zeit vertagt, nun tatsächlich gebaut wurden. Die Lindenschule in Staaken an Berlins westlichstem Rande ist eine dieser Schulen. Ihre Geschichte reicht jedoch viel weiter zurück als bis zur Wiedervereinigung. Hier wurde eine Grundschule erweitert, die bereits in den Dreißigern entstand, als man für Germania, die Hauptstadt des NS-Reiches, gewaltige Stadterweiterungen plante, die dann aber weitgehend Papier blieben. So auch im Falle der Lindenschule, die seit mehr als 60 Jahren auf freiem Feld steht und mehr als 28 Jahre die unmittelbare Nachbarschaft der Mauer ertragen musste.

Unwirklich wirkt ihr Ort noch heute, trotz seiner Nähe zum neuen Regionalbahnhof und Dorf Staaken, das in den Neunzigern wieder zum Land Berlin kam. Landschaftlich schön, aber abgeschnitten von der Stadterweiterung Staakener Felder, für die nicht zuletzt die Schule erweitert und modernisiert wurde. Wo aber vor kurzem allein zwei einsame Gebäude standen, erhebt sich nun ein Ensemble über das weite Feld. Einem Dorf im Kleinen ähnelt die Schule.

Spielerisch ist das neue Ensemble, dem kaum die acht langen Jahre seiner Planungsgeschichte, seine Zwänge und Zwangspausen anzumerken sind. Acht Jahre, in denen die Berliner Architekten Dörr, Ludolf und Wimmer eine Kürzung des Baubudgets um 25 Prozent hinnehmen mussten und dennoch die Qualität und Frische ihrer Konzeption zu wahren wussten. Leicht war dies nicht, angesichts umfangreicher Um- und Zubauten, die sensibel auf den unter Denkmalschutz stehenden Altbestand hin abzustimmen waren. So zogen völlig neue Funktionen in die alten Gebäude ein, wurde das alte Schulhaus zum neuen Lehrerhaus, unter dessen hohem Walmdach zugleich eine Bibliothek viel lichten Raum fand. Die alte Turnhalle verwandelte sich in einen attraktiven Mehrzweckraum, der nun nicht nur als Aula und Gemeindesaal, sondern auch als Schulmensa genutzt wird. Eine neue Sporthalle entstand dafür an der südlichen Stirn des alten Schulhauses, drei Meter unter das Bodenniveau versenkt, damit unbeschadet des grossen Volumens der Dreifachhalle die gewohnte Silhouette mit dem dominanten alten Schulhaus gewahrt blieb.

Die gleiche Sensibilität bewiesen die Architekten bei der Umsetzung des größten Teils des neuen Raumprogramms in betont kleinteilige Baukörper, die bewusst hinter der alten Turnhalle positioniert wurden. Kammartig erstrecken sich so nun gen Norden drei zweigeschossige Schulhäuser und ein Vorschulflügel. Nach Süden und zum großen Pausenhof hin jedoch nur drei kleine Kuben, die als Sonderräume der Musik, Kunst und den Naturwissenschaften dienen. Erschlossen und verbunden werden sie alle durch eine "Schulstraße", einen 140 Meter langen Glasgang, der mit schwarzem Asphalt und aufgemalten Wegmarkierungen seinem Namen alle Ehre macht. Kurzweilig und überschaubar gestalten sich damit alle Wege, zumal von ihr nahezu alle Erschließungsbereiche der Schulhäuser transparent einsehbar sind.

Zumindest noch, denn ihrer gläsernen Haut setzten die Architekten schmale, haushohe Rankstangen vor, die wohl bald einen vegetativen Schirm tragen werden. Dennoch wird wohl kaum die Architektur völlig verschwinden. Eine Symbiose von Architektur und Natur will die neue Lindenschule vielmehr herstellen. Weit greifen dazu die Schulhäuser in den Freiraum aus und lassen dabei recht intime Taschenparks entstehen, die allmählich in die Landschaft überleiten. Organisch ist dennoch die Schule nicht, die auf Kontrast und Harmonie setzt, die mit klarer Geometrie und kräftigen Farben - grünen, blauen und gelben Wandflächen - ihre Eigenständigkeit wahrt.

Als Konstruktion will sie verstanden werden, wozu sie ihre unterschiedlichen Fügungen, Materialien und Schichtungen fast schon zu demonstrativ offen legt. Klar, doch nicht einfach sollen sich die Teile zu einem Ganzen fügen. Einem Ganzen, das mit dem Licht spielt, das im Laufe eines Tages recht unterschiedliche Eindrücke von Raum und Körper hervorbringt. So stellt sich selbst in der versenkten Sporthalle kein Gefühl von Beengung ein. Licht und weit, kleinteilig und groß wirkt sie dank eines grazilen Dachtragwerks aus Rohrstäben und geschickt orchestrierter Lichtöffnungen, zu denen sich noch feingliedrige Prallwände hinzugesellen, die hier aus schmalen Eternitstäben bestehen. Diese sensuelle Vielfalt der Räume und Materialien hebt die Lindenschule weit über den Durchschnitt dessen heraus, was heute in Berlin an Schulen entsteht, die allzu fest auf die Kraft monolithischer Volumina und harter Materialien vertrauen.

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