Kultur : Neues Bauen in Berlin: Es ist nicht alles grün, was unter Bäumen liegt

Matthias Grünzig

Schöner könnte das Gelände kaum sein. In Bohnsdorf, am Fuße des Falkenberges, liegt eine 40 Hektar große Fläche, die bis vor kurzem von jeder Bebauung verschont geblieben war. Der 60 Meter hohe Falkenberg bietet einen herrlichen Blick auf die Müggelberge. Nicht weit entfernt lädt der Lange See mit seinen Badestränden und Ausflugsgaststätten ein. Gleichzeitig sind die S-Bahnhöfe Grünau und Altglienicke ganz in der Nähe.

Auf diesem idyllischen Terrain entsteht seit dem vergangenen Jahr die "Neue Gartenstadt Falkenberg". Der Plan des Büros Quick/Bäckmann/Quick sieht den Bau von 600 Geschosswohnungen und 150 Doppel- und Reihenhäusern vor. Bereits 1992 fand ein städtebaulicher Wettbewerb statt, den das Büro für sich entscheiden konnte. Das Konzept ist allerdings problematisch. Denn es beruht auf einer monotonen Rasterstruktur, die auf das hügelige Gelände keine Rücksicht nimmt. Gleichzeitig sieht es eine recht dichte Bebauung mit viergeschossigen Wohnblöcken vor. Vor allem der Berliner Senat hatte diese Dichte ausdrücklich gefordert, rechnete er doch damals noch mit starkem Bevölkerungswachstum.

Obwohl sich die Rahmenbedingungen mittlerweile radikal verändert haben, dient jenes Konzept auch heute als Grundlage der Bebauung. Seit letztem Jahr errichtet die "Berliner Bau- und Wohnungsgenossenschaft von 1892" die ersten Geschosswohnungen. Als erster Bauabschnitt entstehen 49 genossenschaftliche Mietwohnungen und 102 Eigentumswohnungen. Die Eigentumswohnungen sind als zweigeschossige Maisonette-Wohnungen ausgebildet, von denen jeweils zwei übereinander gestapelt werden. Zu den unteren Wohnungen gehört ein Garten, während die oberen Wohnungen über eine große Dachterrasse verfügen. Dieses Konzept einer "vertikalen Gartenstadt" versucht dem Bedürfnis nach einer Wohnung im Grünen gerecht zu werden. Die Gestaltung der drei- bis viergeschossigen Wohnblöcke ist betont sachlich. Mit ihren klaren hellen Fassaden erinnern sie an Gebäude der "Weißen Moderne". Weniger überzeugend ist dagegen das dichte Nebeneinander der Baukörper. Das Ergebnis sind verschachtelte Räume, die jeder Großzügigkeit entbehren.

Die Reihen- und Doppelhäuser werden durch das katholische "Petruswerk" erbaut. Zur Auswahl stehen sieben Haustypen, die Wohnflächen von rund 130 Quadratmetern bieten. Ein besonderer Pluspunkt sind die großen Dachterrassen. Da die Häuser an einem Hang liegen, werden die Ausblicke nicht durch die benachbarten Gebäude verstellt. Bei der Gestaltung der Außenfassaden spielt die Farbe eine große Rolle. Dezente Ocker-, Rot- und Blautöne sorgen für ein abwechslungsreiches Siedlungsbild. Die Reihenhäuser haben allerdings auch ihren Preis. Zwischen 400 000 und 500 000 Mark müssen für jedes Haus bezahlt werden.

Zusätzlich entstehen in der "Neuen Gartenstadt Falkenberg" zwei Kitas und ein Jugendfreizeitzentrum. Weiterhin ist ein "Central Park" geplant, der die gesamte Gartenstadt durchziehen soll. Das Besondere an der "Neuen Gartenstadt Falkenberg" ist aber ihre Tradition. Denn sie ist die Fortsetzung der benachbarten "Gartenstadt Falkenberg", die zwischen 1913 und 1914 nach Entwürfen von Bruno Taut erbaut wurde. Wie kaum ein anderes Projekt im Berlin der Kaiserzeit verkörperte die "Gartenstadt Falkenberg" eine Gesellschaftsutopie. Ihr Ausgangspunkt war das Wohnungselend im damaligen Berlin.

Die Gartenstadtbewegung hatte sich 1902 in der "Deutschen Gartenstadtgesellschaft" organisiert. Ihr Ziel war der Bau von aufgelockerten, durchgegrünten Gartenstädten, die die Annehmlichkeiten des Stadtlebens mit der Natur verbinden sollten; auch die Überwindung sozialer Unterschiede war ein Ziel. Eine genossenschaftliche Organisation der Gartenstädte sollte besonders preiswerte Wohnungen ermöglichen; Kneipen und andere Freizeiteinrichtungen das Gemeinschaftsleben in der Gartenstadt fördern. Eine ungewöhnliche Koalition von linken Sozialdemokraten, wie Karl Liebknecht, über bürgerliche Sozialreformer wie Franz Oppenheimer und Adolf Damaschke bis hin zu Mitgliedern des deutschen Kaiserhauses unterstützte den Bau von Gartenstädten.

Die "Gartenstadt Falkenberg" war schließlich das erste praktische Projekt, das die "Deutsche Gartenstadtgesellschaft" im Berliner Raum verwirklichte. Bruno Taut plante Reihenhäuser mit Gärten, die sich harmonisch in die Landschaft einfügten. Auch ein Ortszentrum, das an eine märkische Dorfaue erinnern sollte, war geplant. Hier sollten ein Gasthaus, Läden und Grünflächen für Austausch und Kommunikation sorgen. Allerdings blieb das Projekt nur ein Fragment. Bis 1914 konnten nur 127 der geplanten 1500 Wohnungen fertiggestellt werden. Danach beendete der Erste Weltkrieg alles.

Nun wird der Bau der "Gartenstadt Falkenberg" doch noch fortgesetzt. An die Ideale der Gartenstadtbewegung knüpft das Neubauprojekt allerdings nur begrenzt an. Die hohe Bebauungsdichte und die rasterförmige Grundstruktur verhindern seine harmonische Einbettung in die Natur. Der Mangel an Treffpunkten in der "Neuen Gartenstadt Falkenberg" steht einem lebendigen Gemeinschaftsleben entgegen. Und auch die Kosten der Reihenhäuser sind alles andere als günstig. Die reformerischen Ansprüche der Gartenstadtbewegung werden mit diesem Neubauprojekt nicht fortgesetzt. Deshalb ist die "Neue Gartenstadt Falkenberg" leider nur eine gewöhnliche Siedlung.

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