Kultur : Neues Bauen in Berlin: Im Westen macht es "plopp"

Falk Jaeger

Man könnte meinen, Francesco Borromini hätte einen Abstecher nach Grunewald gemacht und dort Lustschlösschen mit tanzenden Fassaden für die Superreichen gebaut. Das kurios zwischen Jugendstil und Art Deco changierende Dekor verrät jedoch, dass es sich natürlich um weitaus jüngeren Retro-Barock handelt, aus einer Zeit, als die Moderne bereits im Schwange war. Moderne findet sich auch in der Nachbarschaft, etwa bei der Irischen Botschaft, ein wunderbar im Material schwelgender statuarischer Backsteinbau mit Gewänden aus goldgelbem Travertin. Einen Steinwurf weiter wieder Neoklassizismus, als opulentes Landschloss oder die beruhigte, biedermeierliche Form, vornehm, gesetzt: Adel verpflichtet.

Jenes Haus, das dem tschechoslowakischen Gesandten in Berlin seit 1972 als Wohn- und Dienstsitz zur Verfügung stand, würde anderenorts als repräsentative Villa gelten, in dieser noblen Grunewalder Umgebung ist damit nur wenig Staat zu machen. Aber Auftrumpfen möchte der Botschafter der Tschechischen Republik, der das Anwesen heute als Residenz bewohnt, ohnehin nicht. Er neigt angesichts der Finanzkraft und der Position seines Landes eher zur Bescheidenheit.

Prunk und Statussymbolik waren deshalb nicht gefragt, als die Berliner Architekten Thomas Müller und Ivan Reimann den Auftrag erhielten, die Residenz zu sanieren und um notwendige Räume zu erweitern. Die Disposition der Repräsentation im Erdgeschoss und des Wohnens im Obergeschoss ergab sich von selbst. Im Dachgeschoss konnten noch Schlafzimmer untergebracht werden. Was fehlte, war ein Salon mit Bezug zum Garten sowie eine Wohnung für den Hausmeister, der in Personalunion auch als Chauffeur fungiert.

Monumentale Halbsäulen schmücken die Schauseite des Hauses, das 1912 in einer Zeit der Stilsuche entstand. Unorthodox deshalb die Gliederung in vier statt fünf Achsen, kurios die "ionisch-frugale" Säulenordnung mit Voluten und Südfrüchten am Kapitell. Ausschließlich tschechische Handwerker machten sich ans Werk und erneuerten Stuck und Putz, bauten aufwändige Eichenholztreppen ein, versetzten Wände und erneuerten ganze Balkenlagen. Das alte Haus behielt trotz kleinerer Veränderungen im Raumzuschnitt seinen Zierrat, seine Ausstattung, die alten Türen, Stuck und Beschläge, und damit auch seinen Charakter.

Strahlend weiß steht die Villa als Artefakt im vom Züricher Gartenarchitekten Dieter Kienast aufgeräumten Garten. Links daneben ein dunkel-anthrazit gefärbter Anbau, der sich zurücknimmt. Müller und Reimann haben ihn in der Tradition der Palmenhäuser oder Wintergärten als Stahlbau zur Seite gestellt, so belässt er dem Altbau Dominanz und Symmetrie. Vier Achsen hat auch der Wintergarten, raumhohe Fenstertüren wie eine Orangerie, dazu ein Panoramafenster nach Westen. Im Inneren herrscht eher Saloncharakter. Zwei Raumelemente in Kirschholz stehen etwas unglücklich im Weg. Sie beinhalten unverzichtbare Servicefunktionen, Garderobe und Teeküche der eine, eine Toilette der andere.

Wintergarten und Gartenanlage gehen ineinander über, die Mauer des Geländesprungs wird zum Sockel des Stahlbaus, dessen Untergeschoss sich mit vier Erkern gegen das Gartenparterre öffnet. Der Hausmeister residiert hier durchaus privilegiert. Dereinst soll die Wand grün erscheinen, die Hainbuchenhecke wird gerade gezogen.

Architektur ist Material, Raum und Licht. Kirschholz und Stahl sind die Materialien, nicht dünnes Blech sondern fingerdicker Bandstahl, aus solchem ist die Konstruktion geschweißt. Der Raum schwingt ins Freie, bezieht den Garten mit ein, verschränkt innen und außen, ganz wie die Gründungsväter der Moderne es postulierten. Das Licht moduliert den Raum, wird gefiltert durch dünne Schleier, gemildert durch die hölzernen Klappläden, die graphische Schattenmuster auf den graugrünen Steinboden zeichnen. So wird das Licht zum Hauptakteur in diesen luziden Räumen, ein Akteur von immer neuer Erscheinung, im Wechsel des Wetters, des Tages, der Jahreszeit.

Plopp, plopp tönt es vom benachbarten Tennisclub Rot Weiß herüber. Die Gartenarchitektur versucht, mit ihrer Dramaturgie der räumlichen Schichtungen die Störungen von Westen so gut es geht auszublenden. Es war die letzte Arbeit des früh verstorbenen Garten- und Landschaftsarchitekten Dieter Kienast, die noch einmal seine Art der Synthese aus barocker Parterre-Akrobatik, klassizistischer Akkuratesse und suprematistischer Flächenkombinatorik reflektiert. So schließt er versöhnlich den Kreis und bringt den klassizierenden Altbau mit dem modernen Neubau ins Gespräch, der sich dieser Kommunikation eigentlich entzieht.

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