Kultur : Neues Bauen in Berlin: Mein Haus, mein Hof, mein Backstein

Jürgen Tietz

In der Vorstellung so manches Berliner Eigenheim-Bauherrn scheinen Säulenportikus und Satteldach unabdingbare Statussymbole zu sein, die zu einem Neubau dazugehören. Derzeit wird heftig mit dem Erbe der europäischen Klassizismen kokettiert.

Wie kraftvoll Häuser auch ohne Säulen und Giebelchen aussehen können, beweist ein Berliner Einfamilienhaus von David Chipperfield. Der Londoner Architekt gilt gemeinhin als Minimalist. Ausuferndes Dekor ist seine Sache nicht. Chipperfield weiß sich im Zaum zu halten. So beschränkt er sich beim Bauen auf ausgewählte Materialien. Puristisch sind seine Häuser aber trotzdem nicht. Denn Chipperfield versteht sich darauf, komplexe Raumgebilde zu entwerfen; Häuser, die bei aller Strenge so reich sind an optischen Eindrücken, dass sie sich jedem schnellen Begreifen verschließen. Dennoch entstehen keine reinen Schauobjekte. Seine Häuser wollen erlebt, erfahren werden, oder besser noch: durchwandert und bewohnt. Nicht das gleichförmige Raster ist Chipperfields Philosophie. Seine Architektur steht für den anspruchsvollen Solitär, die gleichermaßen sinnliche wie intellektuelle Raumschöpfung.

So auch in Berlin. Von der Straßenseite aus gebärdet sich das dreigeschossige Einfamilienhaus, das der Architekt für einen Unternehmer in Dahlem errichtet hat, fast abweisend, zumindest aber verschlossen streng. Das liegt nicht nur an der hohen Mauer, die neugierige Blicke vom Grundstück fern hält. Auch das Haus selber macht die geschlossene Wand zu einem Thema. Doch schon bei einem genaueren Blick auf diese Wand beginnt sich die vermeintlich abweisende Strenge aufzulösen, sie gerät in Bewegung. Der hellrote Backstein aus dem märkischen Glindow lässt ein lebendiges Wandrelief entstehen. Es ist so vielfältig, dass man dankbar ist, dass es nicht dauernd von Fenstern durchbrochen wird. Weitaus offener präsentiert sich die Rückseite des Hauses. Mit ihren dunklen rechteckigen Fensteröffnungen und einem hohen schmalen Durchgang an der Seite wirkt sie wie eine geometrische Skulptur. Bei aller Strenge spielt Chipperfield aber auch ein bisschen, indem er die lokalen Heroen der klassischen Moderne zitiert. Die geometrische Kubatur des Backsteinhauses ruft wie von selbst die Erinnerung an Mies van der Rohes Entwürfe aus den zwanziger Jahren wach. Das über Eck gestellte Fenster, das den Besuchern an der Straßenfront selbstbewusst entgegenschaut, erinnert dagegen an Erich Mendelsohns Charlottenburger "Haus Sternefeld".

Dass Chipperfield kein Haus für Puristen, sondern für Genießer gebaut hat, wird schnell deutlich. Das beginnt schon bei der Backsteintreppe, die vom Gartentor zur Eingangsebene emporführt. Sie lädt zum behaglichen Schreiten ein. Im Inneren empfängt das Haus den Besucher mit einer hohen, fast turmartigen Eingangshalle auf annähernd quadratischem Grundriss. An ihrem Ende sind vier Zugänge scharfkantig in die Wände eingeschnitten. Sie verleihen der Halle eine solche Präzision und Qualität, dass man den Geist eines Donald Judd zu spüren meint. Zusammen mit den weißen Wänden betont der Boden aus blau-grauem Pietra Serena, wie ihn Brunelleschi bei seinen Bauten der Florentiner Renaissance verwendet hat, die sachliche Atmosphäre des Raums.

Der angrenzende Wohnraum mit seiner atemberaubenden Raumhöhe ist zum Garten hin fast vollständig in raumhohe Fenster mit dunklen Stahlprofilen aufgelöst. Dem Esszimmer auf der anderen Seite der Halle schließt sich dagegen das heimliche Herzstück des Hauses an: ein offener Hof, von Backsteinwänden gefasst. Mit ihm ist ein Ort der Stille und des Rückzugs entstanden. Er setzt der strengen Eingangshalle durch seinen Backstein eine sinnlich-südliche Note entgegen. Einen etwas zu monumentalen Charakter besitzt freilich jener torbogenartige Durchblick, der den Patio seitlich abschließt und ihn über eine mächtige, ja archaisierende Treppenanlage mit dem rückwärtigen Garten verbindet. Die unterschiedlichen Raumhöhen in Wohn- und Esszimmer setzt Chipperfield geschickt ein, um die darüber liegenden Wohn- und Arbeitszimmer in der Höhe gegeneinander zu versetzen. So entsteht eine komplexe Raumskulptur, die vom zentralen Treppenhaus aus erschlossen wird.

Indem Chipperfield die einzelnen Wohnräume klar voneinander trennt, hebt sich seine Architekturauffassung deutlich von der offenen Grundrissgestaltung eines Mies van der Rohe ab. Dennoch mangelt es den tiefen Räumen nicht an Licht und Luft. Im Obergeschoss erhalten sie über Oberlichter zusätzliches Tageslicht. Mit ihm moduliert Chipperfield seine Räume, schafft Tiefenwirkung und Plastizität. Doch so kunstvoll und komplex Chipperfields Architektur auch ist: sie ist nicht künstlich. Sie orientiert sich an den Bedürfnissen ihrer Bewohner, so dass nicht nur ein schönes, sondern vor allem auch ein höchst wohnliches Haus entstanden ist.

Anderen Bauherren sollte das Mut machen, sich nicht mit historisierender Massenware zufrieden zu geben, sondern wieder mehr moderne Baukunst zu wagen, die diesen Namen auch verdient.

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