Kultur : Neues Bauen in Berlin: Platte ist schön!

Claus Käpplinger

Die Verbindung bürgerlicher Wohnkultur mit viel Natur machte Zehlendorf gross. Hierhin zog es das Bürgertum, als die Grossstadt Berlin noch in ihren Anfängen war. Hier fand es zu seinem eigenen Stil, zu einem Leben zwischen Repräsentation und Regeneration, zu dem Zehlendorf mit seinen Wäldern und Seen viele Möglichkeiten bot. Unbeschadet von Krieg und Systemumbrüchen entwickelte sich Zehlendorf nicht nur zu einem angenehmen Vorort, sondern auch zu einem einzigartigen Freilichtmuseum moderner Wohnarchitektur. Mit einer für Berlin seltenen Kontinuität versuchte sich hier Generation um Generation an eigenen Wohnbauten, entstanden neben stolzen Bürgervillen und Landhäusern Siedlungen und Wohnanlagen, die das Wohnen im Grünen auch für breitere Schichten erschwinglich machten.

Gerade dieses selbstbewusste Nebeneinander, zu dem viele der namhaftesten Architekten des 20. Jahrhunderts beitrugen, verschaffte Zehlendorf eine Bekanntheit, die heute weit über die Grenzen Berlins hinaus reicht. Schließlich bauten hier Heinrich Tessenow, Bruno Taut, Mies van der Rohe und Walter Gropius. So groß die Faszination über ihre Bauten und die vieler unbekannter Architekten ist, so enttäuschend fällt das Urteil über Zehlendorfs Gegenwart aus. Vieles, was heute dort entsteht, hat wenig Ambition und Qualität. Eine immer banalere Hausproduktion zehrt vom ererbten Renommee; kaum mehr bemüht man sich um landschaftliche Einfügung, sondern folgt allzu willfährig dem Diktat der Rendite.

Mehr Stopfwürsten denn Häusern gleichen die meisten Neubauten: Sie füllen ihre Grundstücke bis zur Schmerzgrenze aus, versuchen, ihren brachialen Utilitarismus gefällig mit Form-Surrogaten vergangener Epochen zu überspielen und gaukeln mit Säulen, Tempelgiebeln oder anderem Zierrat alte Pracht zu Baumarktpreisen vor. So gewohnt erscheinen vielen bereits diese Bauten, dass jedes Abweichen davon nurmehr als eine Bedrohung des Ortsbildes wahrgenommen wird. Entsprechend gering ist die Aufgeschlossenheit für neue Architektur, selbst wenn sie sich explizit auf die rationalistischen Traditionen Berlins beruft.

Dies kann eine neue Wohnanlage am Hüttenweg für sich beanspruchen, die dennoch bei manchen Passanten und einigen Baubeamten des Bezirks auf heftige Ablehnung stößt. Denn für ein kostengünstiges Bauen hatte ihr Architekt Klaus Theo Brenner auf Betonfertigteile gesetzt, im Volksmund nur Platte genannt. Diese Wahl und auch eine betont minimalistische Gestaltung reichten aus, um seine 15 Wohnhäuser leidenschaftlich zu verurteilen: Man glaubte in ihnen ein Stück verschmähten Ostens im edlen Südwesten zu erkennen.

Industriell, ohne jeden Charme oder Charakter wirkt jedoch die Wohnanlage auf einem Teil der früheren Turner-Kaserne keineswegs. Zu sachlich, vielleicht auch etwas unterkühlt mag sie manchem wohl erscheinen. Überaus stringent wurden hier zwei Typen von Häusern in fünf Reihen geordnet, Architektur und Raum vollkommen dem rechten Winkel unterworfen. Aus einem Modul, einem raumhohen und 1,25 Meter breiten Betonfertigteil entwickelte Klaus Theo Brenner die Häuser, hochgedämmt und kompakt als Quader. Die 15 Niedrig-Energiehäuser tragen dank zweischaliger Betonfertigteile mit Dämmung im Kern hier nach außen eine glatte, fast marmorne Haut - ohne Putz, sondern mit einer dünnen Außenschicht Weißzement.

Seltsam abstrakt lässt diese edle Haut die Häuser wirken, die ganz Fläche sind und Öffnungen nur im Mass des Moduls aufweisen, stets raumhoch und 1,25 Meter breit. Unwillkürlich fühlt man sich an die radikalen Rationalisten der Moderne, an Guiseppe Terragni oder Adolf Loos erinnert, aber auch an den Maler de Chirico, an dessen Pittura Metafisica, an Plätze und Körper unbestimmter Nähe oder Ferne. Denn schwer fassbar wirkt der Freiraum, in dem die Häuser auf den nahen Grunewald zuzulaufen scheinen, aber dann aber auch wieder feste Gruppen bilden, die imaginäre Plätze zwischen jeweils vier Häusern entstehen lassen. Der Effekt irritiert und fasziniert; zurückzuführen ist er auf die versetzte Anordnung recht gleichförmiger Hausreihen zurückzuführen. Und er wird von der Freiraumgestaltung der Landschaftsarchitektin Gabriele Kiefer noch gesteigert.

Erhöht und steinern erheben sich die Haupterschließungswege über dem Erdboden, die mit strenger Linearität in der Endlosigkeit zu enden scheinen, währenddessen über diagonale Kieswege der Zusammenhalt von jeweils vier Häusern gestärkt wird. Nicht organische Einfügung, sondern artifizielle Implantation leiteten hier Architekt und Landschaftsarchitektin, die ein dezidiertes Stück Stadt inmitten einer Waldlichtung zu imaginieren versuchten. Das Ergebnis? Eine herausfordernde Interpretation altehrwürdiger Crescents, der edlen Wohnanlagen der britischen Bourgeosie, die Stadt und Natur miteinander zu verbinden suchte. Ganz in dieser Tradition ist auch der Verzicht auf jedes privates Grün zugunsten eines gemeinsamen Landschaftsraumes zu verstehen.

Dem großen Vorbild werden nicht zuletzt die 105 Wohnungen - 77 Miet- und 28 Eigentumswohnungen - gerecht, die mit großzügigen Eingangshallen und einem erfreulich hohem Ausstattungsstandard glänzen. Für Türen, Fenster und Böden wurde kein Billigholz verwendet, die Bäder und Küchen wurden mit viel Sorgfalt ausgestattet. Mögen sie auch mit ihren maximal knapp 120 Quadratmetern auch selten so groß wie frühere bürgerliche Wohnungen geraten sein, so erfüllen sie dennoch den Anspruch an ein repräsentativeres Wohnen, das sich eher des Grüns erfreut, als es in Besitz zu nehmen. Verschwenderisch große Umläufe, Terrassen und Wohndielen bieten dazu besonders die Dachgeschosswohnungen auf. Beachtliches ist damit dem Bauherrn Gehag und Klaus Theo Brenner gelungen. Obwohl hier nun kaum die Bundesbediensteten einzogen, für die ursprünglich die Wohnanlage an der neuen Adresse Am Petersberg bestimmt war, hat sie ganz gegen die Kritiker ihre Klientel gefunden.

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