Kultur : Neues Bauen in Berlin: Rücken an Rücken zur Leitkultur

Jürgen Tietz

Dank Friedrich Merz hat das Land eine Weile über Sinn und Bedeutung einer "Leitkultur" diskutiert. Auch auf dem Schauplatz der Architektur ließe sich die Frage nach der Leitkultur stellen. Gibt es sie überhaupt, eine deutsche Leitarchitektur? Und wenn: Wie sieht sie aus? Beschränkt sie sich auf den architektonischen Minimalkonsens, etwa auf Satteldach und Fachwerkkonstruktion?

Gerade die Architektur präsentiert sich - nicht zuletzt in Berlin - eher multikulturell. Wie also sollten sich in der Baukunst typisch deutsche Eigenarten zeigen, wo doch der Bogen der internationalen Baumeister, die in Berlin gewirkt haben, von Frank O. Gehry über David Chipperfield und Nicolas Grimshaw bis zu Renzo Piano und Raffael Moneo reicht? Name dropping war angesagt bei den großen Bauprojekten der vergangenen zehn Jahre. Damit verbunden schien eine neue Weltoffenheit. Doch so gern man bei der Auswahl der Architekten in den Wettbewerben den großen Namen aus aller Welt den Zuschlag gab - spätestens, wenn es um deren unterschiedliche architektonische Spielarten ging zeigten sich die Behörden nicht mehr ganz so offen. Alle aktuellen Innovationen der zeitgenössischen Architektur wurden vom Streit um die neue "Berlinische Architektur" überschattet.

Deren bauliche Zeugnisse finden sich inzwischen überall im Stadtgebiet und formen eine feste steinerne Phalanx - Normierung statt Multikulti. Angesichts der weit reichenden retrospektiven Umbauplanungen des Planwerks Innenstadt wird die "Berlinische Architektur" unser Bild der Stadt wohl noch bis zum nächsten architektonischen Paradigmenwechsel in schätzungsweise zwanzig Jahren begleiten.

Mit der städtebaulichen Verdichtung, die sich das Planwerk auf die Fahnen geschrieben hat, sägt es heftig am Wirkungsfeld der architektonischen Moderne des 20. Jahrhunderts. Auch wenn seine Protagonisten vorgeben, keine Abrisse bestehender Gebäude zu fordern. Selbst wenn man die "Berlinische Architektur" als konservative Spielart eines missverstandenen Regionalismus interpretiert: Für Berlin ist sie in den letzten zehn Jahren zu einem Stück Leitkultur in der Architektur geworden. Und an keinem anderen Ort der Stadt wird diese Leitfunktion deutlicher als am Pariser Platz.

Zwei steinerne Neubauten, die Hanns Kollhoff sowie die beiden Österreicher Laurids und Manfred Ortner entworfen haben, vervollständigen jetzt gegenüber dem Hotel Adlon das Gesicht des Platzes weiter. Neue Facetten vermögen sie ihm jedoch nicht hinzuzufügen. Von den engen Bebauungsvorgaben angeleitet, entpuppen sich beide Neubauten als massige Kinder der "Berlinischen Architektur", als Mainstream-Bauten der Leitarchitektur.

Das Gebäude von Ortner und Ortner entstand auf dem Grundstück der 1928 errichteten, im Krieg zerstörten Norddeutschen Länderbank, einem Spätwerk der Reformarchitekten Mebes und Emmerich. Doch die beiden Österreicher verzichten darauf, die Vorgängerbebauung im Detail zu reflektieren. Stattdessen gibt sich die helle Natursteinfassade bewusst eigenständig. Einer doppelgeschossigen Ladenzone mit weiten Fensterflächen schließen sich vier Bürogeschosse an. Dem Wohnen vorbehalten sind die meist als Maisonettes ausgeführten Wohnungen in Staffel- und Dachgeschoss - mit traumhaftem Blick auf den Platz.

Optisch interessant ist der Versuch, die steinerne Lochfassade durch den Wechsel im Rhythmus der Fensterachsen im Obergeschoss zu beleben. Dadurch bemühen sich die Architekten, an die derzeit beliebten asymmetrischen Fassadengliederungen anzuknüpfen. Wenig gelungen ist die Dachzone mit ihren hochrechteckig aufragenden Austritten, durch die das Gebäude über die Maßen in die Höhe gezogen wird. So ist das Ergebnis eine unentschiedene Architektursprache, die zwischen Tradition und Innovation schwankt. Den Anspruch, den Ortner und Ortner bei ihrem gelungenen ARD- Hauptstadtstudio ganz in der Nähe formuliert haben, kann das Haus nicht einlösen.

Unmittelbar an das Gebäude von Ortner und Ortner schließt der Neubau von Hans Kollhoff an, der vom Pariser Platz überleitet in die Wilhelmstraße. Der Bau steht formal ganz in der Tradition des Berliner Geschäftshauses des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Er besticht durch die Gediegenheit der verwendeten Materialien. Der graue Sandstein (Mucharz), der auch bei Kollhoffs so wenig erfreulichen Leibnizkolonnaden in Charlottenburg Verwendung findet, und die bronzenen Fensterrahmen verleihen dem Gebäude einen Hauch von Ehrwürdigkeit. Dazu passt die Kleinteiligkeit der Fassadengliederung mit der Betonung der Vertikalen sowie die Balustrade am Staffelgeschoss, die allerdings den Charme steinerner Laubsägearbeiten besitzen. Es scheint, als würde dieses graue Haus aus den Tiefen der Geschichte auftauchen. Dem unbedarften Betrachter, der sich mit der Geschichte des Pariser Platzes nicht auskennt, scheint es wie eine historische Reminiszenz. Ganz so, als wolle es den genius loci sanft wiedererwecken. Doch der Blick auf die alten Bilder des Platzes macht deutlich, dass Kollhoffs Neubau auf keine Vorgängerbebauung Bezug nimmt. Wie schon bei der Umwandlung der ehemaligen Reichsbank, des späteren Zentralkomitees der SED, zum Außenministerium, erfindet Kollhoff auch am Pariser Platz. Diesmal ein Geschäftshaus im Stil der neuen "Berlinischen Architektur", das sich historischer gebärdet, als es der Ort je war. Alles Alt und alles Neu in einem.

Hier kommt das Dilemma der "Berlinischen Architektur" auf den Punkt, die unter dem Applaus der Investoren so publikumswirksam den Rückbezug zur Vergangenheit sucht. Vor lauter verklärtem Schwelgen im Gestern verliert sie nicht nur die Aufgabe der Identitätsstiftung für die Zukunft aus dem Blick, sondern auch die Geschichte selbst. Zur architektonischen Leitkultur taugt sie nicht.

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