Kultur : Neues Berliner Kammerorchester: Zuckerwatteweich

Isabel Herzfeld

Ein klug aufgebautes Programm, ein attraktiver Solist - wieder einmal versprach der Auftritt von Jac van Steen mit seinem Neuen Berliner Kammerorchester den Genuss exquisiter Spezialitäten. Und nun das: die Absage des erkrankten Reinhold Friedrich raubte dem Abend im Schauspielhaus die Substanz. Kein Trompetenglanz in Haydns spektakulärem Konzert, keine hintersinnigen Schattenspiele in Wolfgang Rihms "Gebild". Statt dessen stand Strawinskys Ballettmusik "Apollon Musagète" nun recht beziehungslos Haydns 100. Sinfonie gegenüber. Federleicht und elegant verriet diese kaum, dass ihr Beiname "Militär-Sinfonie" mehr besagen wollte als bloß nette "Janitscharenmusik" mit Triangelklingeln, Beckenschlag und Trommelgewitter.

Und was hat Beethovens Violinkonzert mit diesem dünnblütigen Aufguss zu tun? Auch hier wurde der Nachhall der französischen Revolution nicht herausgearbeitet, die Chance der kleinen Besetzung nicht für Transparenz und Trennschärfe genutzt. Das berühmte Klopfmotiv outete seinen aggressiven Charakter erst in der Solokadenz (aus der Fassung für Klavier und Orchester). Ansonsten herrschten flaumweiche Süße und akustische Zuckerwatte vor. Daran konnte auch Michael Erxleben, der Solist, nicht viel ändern. Seine zunehmend virtuose Sprachkraft und nervig-schlanke Tongebung reichten letztlich nicht: Ohne echte persönliche Aussage fiedelt sich dieses Standardwerk zur Routine herunter. Es bleibt die Frage, ob eine Verschiebung des Programms nicht weniger Schaden angerichtet hätte als die kurzfristige "Rettung" eines Veranstaltungstermins.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben