Neues Boy-Album "We Were Here" : Als wir Königinnen waren

Hoffnung für den deutschen Pop: Das Hamburger Duo Boy veröffentlicht sein zweites Album „We Were Here“.

Lisa Forster
Zart, nicht hart. Sonja Glass (links) und Valeska Steiner wollen keine niedliche Musik machen. Das neue Album klingt trotzdem wieder mädchenhaft.
Zart, nicht hart. Sonja Glass (links) und Valeska Steiner wollen keine niedliche Musik machen. Das neue Album klingt trotzdem...Foto: Promo/D. Mittelstaedt

Es ist ein großes Verdienst, als deutschsprachige Musiker in den Charts oben zu stehen, ohne dabei zu klingen wie Unheilig oder Sarah Connor. Ein noch größeres Verdienst ist es, überdies zur intelligenten deutschen Popmusik zu zählen und trotzdem keine Erinnerungen an den angekitscht-nachdenklichen Deutschpoeten-Pop von Clueso, Philipp Poisel & Co. wachzurufen.

Die in Hamburg ansässigen Musikerinnen Valeska Steiner und Sonja Glass haben beides geschafft. Ihre Band heißt Boy, am Freitag erscheint das zweite Album „We Were Here“. Für ihr Debüt waren die beiden bereits mit einer goldenen Schallplatte ausgezeichnet worden, sie haben Songs an die Lufthansa und die Macher der Kinokomödie „Kein Sex ist auch keine Lösung“ verkauft und in den japanischen Charts sogar die Spitze erreicht. Ihre Musik ist aber nicht so schlecht, wie man nun annehmen müsste. Boy machen eingängigen, luftig arrangierten Folkpop.

Schlagzeuggetrappel und gezupfte Gitarren

Auf „We Were Here“ hat das Duo schöne Ideen: Bei der Single „We Were Here“ schleicht sich eine Gitarre sanft ins Keyboard. Bei „Hit My Heart“, dem stärksten Song des Albums, legen sich Streicher über das gesungene Lalala-Thema und wiederholen es zaghaft. Schlagzeuggetrappel mischt sich mit gezupften Gitarren. Hat man gerade ein bisschen zu viel Dudelfunk-Radio gehört, wird der sparsam-schöne Sound von Boy zur Wohltat.

Glass und Steiner machen gemeinsam Musik, seitdem sie sich 2008 beim Hamburger Kontaktstudiengang für Popularmusik kennengelernt hatten. Inzwischen sind sie bei Herbert Grönemeyers Plattenfirma Grönland unter Vertrag. So weit scheint Boy eine Erfolgsgeschichte zu sein. Doch weil es sich um eine preisgekrönte deutsche Band handelt, gibt es natürlich auch einen Haken. Und dieser Haken ist: In den Songs fehlen gerade die Haken und Ösen.

Man merkt der Musik von Boy ihre Hochschulherkunft an. Die Songs sind perfekt gebaut, die Harmonien wechseln mustergültig, aber nach einer Weile klingen sie ziemlich leidenschaftslos. Offenbar will es die Band allen recht machen: den Charts, den Musiker-Kollegen, den Kritikern. Es ist eine fast schon diplomatische Haltung. Glass und Steiner riskieren wenig, Impulsives gibt es auf „We Were Here“ nicht.

Aufregung? Gibt's doch überall!

Im Gespräch erzählen die Musikerinnen, dass ihre Songs „aus dem Herzen“ kämen und dass ihre Musik „sie selbst“ seien. Das klingt naiv, eine Haltung, die sich gut an der Geschichte zu ihrem Lied „New York“ veranschaulichen lässt. Steiner sagt, der Song wäre entstanden, als beide sich in einem Inspirationsloch befanden und beschlossen, für ein paar Tage nach New York zu fliegen, um sich ein bisschen Aufregung einzuflößen. Haben sie dann doch nicht gemacht, denn: Es kann überall aufregend sein. „Anywhere with you could be New York“, lautet eine Zeile des Songs. Dazu gibt es versöhnliche „Uuuhh“-Chöre und müde Handclap-Beats.

Haben sie in letzter Zeit irgendetwas Verrücktes getan? Die Schweizerin Valeska Steiner erzählt, dass sie vor Kurzem ein Wochenende alleine in Paris war. Sonja Glass war für ein paar Tage in New York. Irgendwie hatte man sich jetzt eine spannendere Geschichte erhofft. Glass, die Bass studiert hat, erzählt, sie habe einen Dozenten gehabt, der meinte, er könne Techniken beibringen, doch der Rock’n’Roll liege auf der Straße.

Marienkäfer und Pusteblumen

Anscheinend sind die Straßen, auf denen Glass und Steiner flanieren, ein bisschen zu glatt gepflastert. Wahrscheinlich sind es gar keine Straßen, sondern Waldwege, auf denen Marienkäfer krabbeln und auf denen sich Mädchen gegenseitig Pusteblumen ins Gesicht blasen. Manchmal klingen die Lieder von Boy recht niedlich – eine Beschreibung, die die Musikerinnen zurückweisen: „Ich finde unsere Musik überhaupt nicht niedlich“, sagt Glass. „ In vielen der neuen Songs geht es um Angst, die jemanden besetzt hält. Es interessiert uns, aus Themen etwas zu machen, das einem die Schwermut vielleicht ein bisschen nehmen kann“, sagen die beiden, „und es ist gut, wenn man nicht in Traurigkeit zerfließt und Dinge dafür wertschätzt, dass sie schön waren, auch wenn sie vorbei sind.“

Belanglos und zugleich unwiderstehlich

Ein Freund der Band habe einmal gesagt, er wäre gerne eine Person aus den Songs. Weil die Songs gut seien zum Hörer. Es stimmt, Boy sind die Art Freundin, die einem Kakao macht, wenn es mal nicht so läuft. Sie sind aber auch die Art Freundin, die einem sagt, dass alles nicht so schlimm ist, wenn man eigentlich gerade jemanden zum Saufen bräuchte, jemanden, der den Schmerz einfach mal Schmerz sein lässt.

„We walked these streets like kings, our faces in the wind / And everywhere we were, we made the city sing“, so beginnt der Titelsong. Das Video zeigt Straßenszenen aus wechselnden Weltmetropolen und die Lyrics, die wie ein Kartenspiel auf einen Tisch gelegt werden. Worte und Bilder erscheinen beliebig, um nicht zu sagen: belanglos. Doch dann setzt eine Gitarrenmelodie ein, die sich unwiderstehlich im Ohr festsetzt. Großartig.

„We Were Here“ erscheint am 21. August bei Grönland/Good To Go. Konzerte: 9.9. Lido (ausverkauft), 23.11. Tempodrom.

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