Neues Coldplay-Album : Was ich sagen will, sagt mein Klavier

Erfolg kann auch ein Fluch sein, er schraubt die Erwartungen hoch und lähmt die Kreativität. Mit ihrem Album „Viva La Vida“ wollen Coldplay beweisen, dass sie mehr können als nur Pop.

Christian Schröder
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Coldplay sind die erfolgreichste Band er nuller Jahre. -Foto: Getty Images

Die Freiheit führt das Volk. Ihre Brust ist nackt, mit der rechten Hand reckt sie die Trikolore in die Höhe. Sie steigt über Leichen, hinter ihr qualmt der Pulverdampf der Geschichte. Auf ihrem Bauch prangt eine Parole: „Viva La Vida.“ Das Bild hat Eugène Delacroix gemalt, der Schriftzug stammt von Coldplay. „Viva La Vida or Death And All His Friends“, so heißt das neue Album der britischen Band. Der Titel, hat Sänger Chris Martin in einem Interview erklärt, geht auf ein Werk der mexikanischen Malerin Frida Kahlo zurück und auf Stanley Kubricks Film „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“. Leben, Sterben, Mexiko. Schwer zu sagen, was die Ideale der französischen Revolution und die überpinselte Delacroix-Heldin auf dem Cover damit zu tun haben. Gut aussehen tut’s trotzdem.

Was für die Verpackung gilt, trifft auch auf die Musik zu. Sie hört sich gut an, hat aber nicht wirklich etwas mitzuteilen. Wieder gibt es diese elegisch zitternden Coldplay-Melodien, die sofort ins Ohr gehen, Mitsummlieder, die mit ein paar sparsamen Gitarren- oder Klavierakkorden einsetzen und sich zu pompös hallenden Stadionpopsinfonien aufschwingen. Songs wie dem majestätisch stampfendem U2-Imitat „Lovers in Japan/Reign of Love“ oder der mit Glamrockgitarren und heiserem Weltschmerzgesang verzierten Klavier-Gitarren-Hymne „Violet Hill“, der ersten Singleauskopplung, wird man in den nächsten Monaten in Fernsehen, Radio und Werbung ohnehin kaum entkommen können. „Viva La Vida“ ist eine Sammlung von zehn so hübschen wie herzergreifenden Stücken. Was der Platte fehlt, ist eine Idee.

Coldplay sind so etwas wie die Supergroup der nuller Jahre. Keine andere Formation hat bislang im neuen Jahrtausend mehr Tonträger abgesetzt. Es ist eine dieser erstaunlichen Erfolgsgeschichten, wie sie der britische Pop seit den Beatles und den Stones immer wieder geschrieben hat. Kennengelernt hatten sich Chris Martin, Gitarrist Jonny Buckland, Bassist Guy Berryman und Schlagzeuger Will Champion 1996 am Londoner University College. Ihre erste EP veröffentlichten sie in einer Auflage von 500 Stück, 1999 unterschrieben sie einen Vertrag über fünf Alben mit dem Traditionslabel Parlophone, das zum Branchenriesen EMI gehört. Schon mit dem Debüt „Parachutes“ gelang der kommerzielle Durchbruch. Das dritte Album „X & Y“, im Sommer 2005 erschienen, sprang in 22 Ländern von 0 auf Platz 1 in den Charts und verkaufte sich zehn Millionen Mal. Coldplay sind, urteilte der „Guardian“, „die größte Band des Planeten“. Ein Lob, das Martin kokett zurückweist: „Wir sind nur die siebtgrößte Band.“ Größer sind für ihn Arcade Fire und Sigur Rós.

Erfolg kann auch ein Fluch sein, er schraubt die Erwartungen hoch und lähmt die Kreativität. Die neue Coldplay- CD sei das „am meisten erwartete Album des Jahres“, sagt der EMI-Boss Guy Hands. Der Gründer des Private-Equity- Fonds Terra Firma ist die perfekte Inkarnation des modernen Heuschrecken-Kapitalismus. Er hatte EMI im letzten Sommer für 3,2 Milliarden Pfund gekauft und tausende Stellen gestrichen. Radiohead veröffentlichten ihre neue Platte daraufhin lieber erst einmal im Internet, Paul McCartney wechselte zur Kaffeehauskette Starbucks, und Robbie Williams beschimpfte Hands als „Plantagenbesitzer“ und trat in einen Streik. Aus der Superstarliga sind neben Kylie Minogue jetzt nur noch Coldplay übrig, um die EMI-Bilanzen zu retten.

„Wir haben unsere Songs nie mit Blick auf Verkaufszahlen geschrieben“, versichert Chris Martin. „Mit unseren ersten drei Alben haben wir eine Position erreicht, die es uns erlaubt, wesentlich freier zu arbeiten.“ Von „Parachutes“ über „A Rush Of Blood To The Head“ bis „X & Y“ waren Coldplay von Platte zu Platte gewachsen, sie hatten ihre zuckerbäckerhaft zerbrechlichen Klangarchitekturen in immer ausgefeiltere Arrangements gebettet. „Viva La Vida“ soll nun ihr Großwerk sein, das, was das „Weiße Album“ für die Beatles oder „OK Computer“ für Radiohead war. Dafür wurden weder Kosten noch Mühen gescheut. Die Band kaufte eine leer stehende Londoner Bäckerei, in die sie sich monatelang für die Aufnahmen zurückziehen konnte, und verpflichtete Brian Eno als Produzent.

Die Kunstanstrengung ist „Viva La Vida“ anzumerken, bemüht, mitunter fast streberhaft versuchen Coldplay mit jedem Song zu demonstrieren, dass sie mehr können als Pop. Es reicht nicht aus, Martin in der Ballade „42“ zu getragenen Klavier- und Streicherakkorden wispern, seufzen, grummeln zu lassen, das Ganze muss auch noch in einem velvetundergroundesken Krachfinale explodieren. Afrikanische Polyrhythmik verschmilzt mit warm brummendem Hammondorgel-Acidjazz („Lost!“), kaugummiartig zerdehnte Streicherarrangements, wie sie George Martin für „Sgt. Peppers“ geschrieben haben könnte, gehen in breitbeinige Schweinerockriffs und das schrille Blöken einer Country-Fiddle über („Yes“). Toll. Setzen, eins plus.

Chris Martin, seit fünf Jahren mit Hollywood-Star Gwyneth Paltrow verheiratet und Vater ihrer Kinder Apple und Moses, ist ein beliebtes Objekt des Spottes. Seine Hilfseinsätze in Afrika erinnern an das Gutmenschentum des U2-Sängers Bono Vox, und weil er ein Freund des Falsettgesangs ist, wird das Coldplay-Werk von Gegnern als „Bettnässermusik“ (so der Oasis-Entdecker Alan McGee) abgetan. Für „Viva La Vida“ hat Martin Gesangsunterricht genommen, er beherrscht nun auch die tieferen Lagen. „I used to rule the world / Seas would rise when I gave the word / And I discovered that my castles stand / Upon pillars of salt and pillars of sand“, singt er im Titelstück „Viva La Vida“. Mächtig rauscht dazu die Brandung der Geigen. Im Pop waren die Königreiche immer schon aus Sand gebaut.

Coldplay spielen am 15. September in der Berliner O2 World.

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