Neues Denkmal : Die Opfer sind unter uns

Heute wird in Berlin das Denkmal der verfolgten Homosexuellen eingeweiht: Acht Thesen zur Parzellierung des Gedenkens.

Thomas Lackmann
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Szenen aus einem Video, das im Denkmal für die in der NS-Zeit verfolgten Homosexuellen gezeigt wird. -Foto: ddp

Opfer-Denkmale altern schlecht.

Das erste Denkmal der größten Opfer-Gruppe des „Dritten Reichs“ war bereits 1945 nahe dem Brandenburger Tor eingeweiht worden – zur Ehrung der über zehn Millionen gefallenen oder in Gefangenschaft gestorbenen Soldaten der Roten Armee. Aufgrund seiner kriegerischen Elemente und antisowjetischer Reflexe wird es kaum als Opfer-Ort begriffen. Der Bronze-Infantrist mit Bajonett, zwei urige T34-Panzer und zwei Geschütze nehmen sich inzwischen wie antiquarische Spielzeugobjekte aus. Zeitlos-funktional wirken vergleichsweise jene elf sachlichen Schilder, die am Wittenbergplatz und am Kaiser-Wilhelm-Platz KZ-Namen aufzählen: „Orte des Schreckens, die wir nie vergessen dürfen“. Dass diese lakonischen Listen 1967 vor Berliner Konsumtempeln als Reaktion auf Vertriebenen-Wegweiser des AxelSpringer-Verlages angebracht wurden, gehört zu ihrer Botschaft, vermittelt sich aber nicht. Dagegen ist ein „Rosa Winkel“-Marmor, seit 1989 am Nollendorfplatz mit der Schrift „Totgeschlagen Totgeschwiegen. Den homosexuellen Opfern des Nationalsozialismus“ gewidmet, vier Jahre später durch eine notwendige Erläuterungstafel ergänzt worden. Gemeinsam ist diesen Monumenten das Denkmal-Schicksal des Kaum-gesehenWerdens und eine von GedenkstättenHermeneutik unbelastete moralische Selbstverständlichkeit.


Opfer-Monumente sind nicht witzig. Aber auch Witze sind Denkmale. Zum Beispiel: Es gibt drei Arten Pianisten – jüdische, schwule und schlechte Pianisten.

Oder: Liest ein Schwarzer in der U-Bahn die „Jewish Times“. Sagt ein Weißer zu ihm: „Neger zu sein, reicht dir wohl nicht?“

Oder die Frage des „Anatevka“-Milchmanns Tevje an Gott: „Ich weiß, wir sind dein auserwähltes Volk, aber könntest du nicht vielleicht zur Abwechslung mal ein anderes auswählen?“

Die Bestimmung zum Opfer und die Erwählung, was Besonderes zu sein, überschneiden sich mitunter. Wer als Betroffener darüber witzelt, qualifiziert sich als moralischer Sieger. Juden erzählen die besten jüdischen, Schwule die besten Schwulenwitze. Steindenkmale sind für alle; Witz-Denkmale bedienen ein ausgewähltes Publikum.


Religiöse Opfer-Verherrlichung, ins Säkulare übersetzt, führt zur Vereinnahmung. Die Regel, dass der Stärkste siegt (und die Denkmale bestimmt), wird durch das Christentum auf den Kopf gestellt. Der sich opfernde Mensch, der sich opfernde Gott regiert die Heilsgeschichte: als auferstandener Christus. Säkularisierte OpferVerklärer verwandeln die Auferstehungshoffnung in eine dialektische Verheißung: „Die Besiegten von heute sind die Sieger von morgen“ (Brecht). Die ersten Gestalter von KZ-Gedenkstätten übernahmen diese Sinnstiftungsmodelle. In Buchenwald wurde das Leiden kommunistisch, in Dachau dominant katholisch, in Auschwitz vor allem unter polnischen Aspekten erklärt und vereinnahmt.


Opfer haben immer recht. Die gesellschaftliche Opfer-Fixierung ist ein Phänomen des 20. Jahrhunderts. Eine religiös motivierte „Erhöhung der Verworfenen“ sei umgeschlagen in „universale Viktimisierung“, schreibt der Philosoph Pascal Bruckner („Ich leide, also bin ich“). Der säkularisierte Mensch müsse zur Legitimation seiner selbst vor einem Richter erscheinen, der „unendlich weniger barmherzig ist als Gott“: vor dem „Anderen“. Viktimisierung sei ein Weg, vor diesem Gericht Verantwortung abzuweisen. Dass Gruppen gegen ihre Ausgrenzung kämpfen, sei legitim. Aber „wenn es genügt, dass man sich Opfer nennt, um recht zu haben“, werde Opfer-Sein zur Berufung.

Der Schriftsteller Ian Buruma kritisiert die globale „Olympiade des Leidens“, in der es darum gehe, als Opfer der Geschichte Aufmerksamkeit zu erobern. Öffentliche Anerkennung erfahrener Leiden schaffe kollektive Identität. Der entstehende „Leidenseintopf“ sei unhistorisch: „Auch wenn es zweifellos wahr ist, dass Chinesen, Juden, Homosexuelle und andere gelitten haben, so haben doch nicht alle auf die gleiche Weise gelitten.“

In Deutschland gehört die Identifizierung mit Opfern der NS-Zeit zur Staatsräson. Wo Täter(-Nachkommen) Opfern Denkmale setzen, wo Grenzen zwischen Täter und Opfer verwischen, entstehen Rivalitäten. In Litauen konkurrieren Hinweise auf den (seinerzeit durch viele Litauer beförderten) deutschen Judenmord sowie auf Ehrenmale der Roten Armee mit den Denkmalen der Märtyrer des Sowjetregimes. In Washington errichtet man derzeit eine Opfer/Sieger-Statue von Martin Luther King, befürchtet aber, der beauftragte Künstler aus China werde King wie einen Lenin im Stil des sozialistischen Realismus modellieren.


Opfer-Sprech veraltet schnell. Zur Viktimisierung gehören Sprechverbote. Die Bibelübertragung in „gerechte Sprache“, die Implantation zusätzlicher femininer Endungen: So wird der Opfer-Status markiert. Auch die pauschale Moralisierung aller Denkmale der NS-Historie als „Mahnmale“ und die Mahnmalisierung eines ganzen Museums als „Zentrum gegen Vertreibungen“ gehört zum Opfer- Sprech. Dessen Verfallszeiten beschleunigen sich, wenn bereits die Erfindung eines Begriffs („mit Migrationshintergrund“) Satire provoziert. Der Jugendslang münzt „Du Opfer“ und „schwul“ zu Schimpfworten: gegen die Opfer-Rhetorik des Establishments.


Minderheiten-Denkmäler funktionieren als Teilhabe und Abgrenzung zugleich. Sie sollen klarstellen, dass die Minderheit aus „normalen Menschen“ besteht, aber auch positiv anders ist. Die Pietà in der Neuen Wache muss so konkret nicht werden, sie meint ja alle Gewaltopfer. Beim Denkmal für Europas ermordete Juden hat man ebenfalls auf Etikettierung der heterogenen Millionen-Gruppe verzichtet. Dani Karavans Denkmal für Sinti und Roma, derzeit am Reichstag in Bau, benutzt Natursymbolik (einen See), Friedhofsrequisiten (eine Stele, eine Blüte) und Geräusche, die als „schriller Geigenton“ oder „bremsende Bahn“ beschrieben werden.

Deportationswaggon und „Komm Zigan“-Klischee, ineinandergeblendet? Die Selbstdefinition provoziert auch intern Auseinandersetzung: Das zeigte sich mit der Kritik lesbischer Aktivistinnen an dem schwul dominierten Homosexuellen-Denkmal (Männerkuss in Beton) und mit dem langen Streit zwischen Sinti & Roma und der Sinti-Allianz (um das Zigeuner-Wort im Widmungstext).


Distanz zu historischen Ereignissen ist Chance und Gefahr. Opfer-Denkmale sollen dem Betrachter emotionale Brücken bauen, gegen Diskriminierung plädieren und das Martyrium der zu bezeichnenden Gruppe würdigen. Derartige Überfrachtung hatte beim Wettbewerb um das Denkmal für die ermordeten Juden bizarre Entwürfe zur Folge. Der Betonbus, den Andreas Knitz und Horst Hoheisel als Denkmal für Opfer der NS-Euthanasie neben der Philharmonie aufgestellt haben, verweigert sich der Vielzahl solcher Ansprüche. In die Buswand ist lediglich die Frage eines Behinderten „Wohin bringt ihr uns“ eingekratzt.

Anders offensiv funktioniert das neue Denkmal für die Homosexuellen. In einen Betonblock hat das Künstlerduo Elmgreen und Dragset den ewigen Monitorkuss zweier Männer eingelassen. Seine Wucht bezieht das Werk aus dem Kontrast der Materialien samt historischem Subtext. Das erotische Spezifikum attackiert die Hetero-Mehrheit, der ein Männerkuss noch immer nicht geheuer, ja eklig erscheint. Bespitzelung, Folter, Ermordung symbolisiert der das Paar ummauernde Beton. Die kommunikative Chance dieser Überhöhung besteht in vehementer Heutigkeit, da liegt zugleich ihr Risiko: die historische Erzählung als politisches Trittbrett zu nutzen und zu verfehlen.


Denkmale ersetzen keine oral history. Lehrpläne ersetzen keinen Generationenvertrag der Überlieferung. Früher fragte man, was Opa im Krieg gemacht hat. Ich selbst habe einen (frommen) Onkel, der für Homosexuelle die „Rübe ab“-Lösung vertritt. Ich habe im Gymnasium (um 1968) an der albernen „Ausziehn!“-Jagd auf den angeblich schwulen Streber der Klasse teilgenommen. Ich habe 1983 Arm in Arm mit meinem (schwulen) Bruder erlebt, wie nachts aus dem Lautsprecher eines Polizeiwagens Homosexuellen-Verhöhnung über den Bochumer Theatervorplatz hallte ...

Solche Anekdoten erhellen nicht das Verständnis für NS-Verfolgte. Sie sensibilisieren für die Vorstellung, welchen Typus Mensch, welche Mischung aus Ressentiment, Herdentrieb und Ich-Schwäche ein totalitäres System braucht. Es reicht nicht, Partikularinteressen zu vertreten. Wenn das Mahnmal für heterosexuelle, nichtjüdische Pianisten auf der Agenda steht, wissen wir, dass etwas falsch gelaufen ist.

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