Kultur : Neues Geld gegen alten Markt

Frankfurt zerstört eine Ikone modernen Bauens

Christian Huther

Der Bauherr führt sich arrogant auf, die Kommunalpolitiker geben im Nu klein bei, die Denkmalpfleger sind wankelmütig, und der Architekt schert sich ohnehin um fast nichts. Bei einer solchen Konstellation kann nichts Gutes herauskommen. Seit einem halben Jahr tobt denn auch ein immer heftiger werdender Streit. Nur der Bauherr, die Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main, schweigt eisern. Dabei hatte alles verheißungsvoll begonnen, als vor drei Jahren der Sieger im Wettbewerb um den Neubau der EZB im bisher industriell geprägten Ostteil der Mainmetropole gekürt wurde.

Damals überzeugte das Wiener Architekturbüro Coop Himmelb(l)au mit zwei prismatisch ineinander verdrehten, rund 180 Meter hohen Wolkenkratzern. Nur wollte Wolf D. Prix, der Gründer von Coop Himmelb(l)au, auch die auf dem Gelände stehende, ehemalige Großmarkthalle zubauen, einen tonnengewölbten Eisenbetonbau von 1926-28. Seinerzeit war es die größte stützenfreie Halle Europas, 220 Meter lang und 50 Meter breit. Heute gilt die vom Frankfurter Stadtbaudirektor Martin Elsaesser konzipierte Halle, neben Hans Poelzigs IG-Farben-Bau und Peter Behrens’ Hoechster Verwaltungsbau, als eine der drei Ikonen der Frankfurter Architekturmoderne. Seit 1972 steht sie als prägnantes Beispiel der Neuen Sachlichkeit unter Denkmalschutz. Doch der wird von einer Salamitaktik der EZB und der Architekten allmählich zu Grabe getragen.

Erst im Sommer wurden neue Pläne bekannt, die den Bau von allen vier Seiten verändern, wenn nicht gar zerstören. Coop Himmelb(l)au will mit einem Bügel die Halle durchschneiden, um im Norden einen neuen Haupteingang zu markieren und im Süden einen Übergang zum Doppelturm zu schaffen. Zudem soll ein Casino die Südfassade durchstoßen, ein Teil der nördlichen Betonrasterfassade wird verglast, und die bisher geschlossene Ostfassade soll Fenster zur Büronutzung erhalten. Die Halle wird nachher also kaum mehr zu erkennen sein. Vergleichsweise harmlos scheint der geplante Abriss von zwei Annexbauten, der noch von den Denkmalschützern bekämpft wird.

Allen anderen Punkten haben die Politiker längst vorbehaltlos zugestimmt und den Denkmalschutz aufgehoben. Als nun aber das bisher lavierende Landesdenkmalamt die neuen Pläne öffentlich machte, sorgte es für einen Sturm der Entrüstung. Nun will man den Denkmalschutz wieder einführen, ist aber an protokollierte Vorabsprachen gebunden. Inzwischen haben sich auch die Erben von Elsaesser in den Streit eingeschaltet. Ihre Hoffnung auf das Urheberrecht als Hebel gegen gravierende Eingriffe in die Halle trog jedoch, Elsaesser hat als städtischer Angestellter das Urheberrecht weitgehend abgetreten.

Doch der Aufruf der Erben zu mehr Respekt vor der Architekturgeschichte sorgte für überregionale Aufmerksamkeit. Nun will keiner der Handelnden weiter sein Gesicht verlieren. Vor allem CDU-Oberbürgermeisterin Petra Roth kämpft um ihre Wiederwahl. Allerdings darf bezweifelt werden, ob die Dampfwalze EZB mit Steuermann Prix noch aufzuhalten ist.

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