Neues Kindness-Album "Otherness" : Der sanfte Sog

Adam Bainbridge ist Kindness. Diejenigen, die sein gefühlvolles neues Soul-Pop-Album „Otherness“ hören, erkennt man daran, dass sie ein paar Zentimeter über dem Boden schweben.

von
Kindness
Versteckspieler: Kindness macht keine Anstalten, aus seinen tollen Hooks und Melodien Superhits herauszukitzeln.Foto: PIAS

Wer sich heute für Popmusik interessiert, vor dem liegt ihre gesamte Geschichte offen ausgebreitet. Zwar gibt es noch entlegene Inseln des Obskuren, doch im Prinzip kann man fast jedes jemals aufgenommene Stück mit wenigen Klicks im Internet auffinden und anhören. Die Frage, was man mit diesem ungeheuren Reichtum anfängt, stellt sich vor allem für Musiker. Und oft braucht es dann doch etwas mehr als einen Stream oder Download, um nachhaltiges Interesse auszulösen.

So hatte Adam Bainbridge, ein britischer Mittzwanziger mit südafrikanisch- indischen Wurzeln, der unter dem Künstlernamen Kindness gerade sein zweites Album „Otherness“ veröffentlicht hat, im Netz eine Jazzaufnahme aus den Achtzigern gefunden, auf der Herbie Hancock im Zusammenspiel mit dem gambischen Kora-Virtuosen Foday Musa Suso zu hören ist. Doch erst als er die LP in einem Second-Hand-Laden in New Orleans aufstöberte, entstand der Impuls, auf diesem Soundfundament einen Song zu bauen.

„For The Young“ heißt das Ergebnis, auf dem sich zu sparsamster Rhythmusgrundierung und dem Plinkern des exotischen Saiteninstruments die sanften Stimmen von Bainbridge und seiner bevorzugten Ko-Sängerin, der äthiopischstämmigen Amerikanerin Kelela Mizanekristos, zärtlich umgarnen. Es dürfte kein Zufall sein, wenn Bainbridge Klangvorlagen aus den Achtzigern in seine Stücke einarbeitet: Die Atmosphäre der Platte, ihr Sound-Design, sogar ihre für heutige Verhältnisse verschwenderische Produktionsweise mit Sessions in diversen US-Studios verweisen auf dieses Jahrzehnt. Wobei Bainbridge nur selten direkt zitiert und lieber auf eine assoziative Neuschöpfung im Geiste großer Vorbilder setzt.

Intovertierte Pop-Sensibilität statt Dancefloor-Imperative

In diesem Sinne ist der stolpernde, von Bläsersätzen vorwärtsgeschobene Opener „World Restart“ zwar eine Reminiszenz an den Elektro-Funk von Hitlieferanten wie dem legendären (und an der Platte beteiligten) Produzentenduo Jimmy Jam und Terry Lewis. Doch mit seiner eigenwilligen Stop-and-go-Motorik trägt der Song die Handschrift eines Künstlers, für den die kommerzielle Verwertung seiner Musik weit hinten auf der Prioritätenliste steht. Denn wo es auf dem Kindness-Debüt „World, You Need A Change Of Mind“ vor zwei Jahren noch relativ klar formulierte Dancefloor-Imperative gab, hat sich Bainbridge jetzt auf introvertierte Pop-Sensibilität kapriziert.

Auf den zehn Songs von „Otherness“ findet man sofort ins Ohr gehende Melodien und großartige Hooks, doch Bainbridge macht keine Anstalten, die in ihnen angelegten Superhits herauszukitzeln. Und das muss man erst mal bringen: eine hypnotische Gesangslinie wie die von „I’ll Be Back“ mit einem Arrangement ins Rennen zu schicken, das nur aus Fingerschnippen, einem perlenden Piano und schütteren, immer wieder aussetzenden Beats besteht. Das schreit nach dem Avicii-Remix, der dann weltweit die Tanzflächen füllt, ist aber gerade in dieser noblen Verweigerungshaltung faszinierend.

Oder das folgende „Who Do You Love?“, auf dem sich die schwedische Sirene Robyn als stimmliche Schnittmenge aus Kate Bush und Madonna erweist: eigentlich ein todsicherer Hit, aber auch hier wird die von einer blubbernden Hammondorgel dominierte Tonspur immer so weit zurückgefahren, dass jede Video- Choreografie (Bainbridge ist auch als Videoregisseur tätig) einfrieren würde.

Statt vordergründiger Überwältigung ist es also ein sanfter Sog, der in den Bann dieses Albums zieht. Mit afrikanisch angehauchtem Smooth Soul („8th Wonder“), entschleunigtem R’n’B („With You“) und einer von Vocoder-Ätherwolken durchwaberten Zartbitter-Ballade („Geneva“) führt Bainbridge durch dornige Klanglabyrinthe, wie sie sonst nur noch die britische Gruppe Metronomy hinbekommt. Die eher von der Idee als vom Sound an den großen Achtziger-Popdenker Paddy McAloon und seine Band Prefab Sprout erinnernde Geschmeidigkeit ist dabei ein Angebot, das im Remmidemmi zeitgenössischer Pop-Produktion leicht überhört werden kann.

So dürfte – falls nicht ein Marktführer der Automobil- oder Telekommunikationsbranche anbeißt und mit einem Song von „Otherness“ seine Werbekampagne untermalt – dieser Traum von einem Album wie sein Vorgänger wohl nur ein paar tausend Auserwählte erreichen. Man wird sie daran erkennen, dass sie, wenn sie sich mit diesen Liedern durch den Alltag bewegen, ein paar Zentimeter über dem Boden zu schweben scheinen.

„Otherness“ ist bei Female Energy Records/PIAS erschienen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben