Neues Museum : Alle Zeit will Ewigkeit

Vor der Eröffnung des Neuen Museums Berlin: Wie moderne Architektur den Blick auf die Antike verändert.

Rüdiger Schaper
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Frische Perspektive. Das neue Akropolis-Museum in Athen nimmt die Formen und Ausrichtungen des Panthenons auf. -Foto: ANA

Um die Jahrtausendwende landeten in London zwei Raumschiffe. Sie kamen, um zu bleiben. Das eine ist der Millennium Dome von Richard Rogers, die O2- Arena an der Themse. Das andere Sir Norman Fosters gläsernes Kuppeldach über dem British Museum, das die gigantische Innenhof-Fläche von 7000 Quadratmetern überspannt – der große Bruder der Berliner Reichtagskuppel. Foster versteht es, imperiale Größe architektonisch abzufedern, um ihr zivile Eleganz zu verleihen.

Aber mehr noch als Regierungs- und Parlamentsgebäude verlangen Museen nach einem demokratischen, offenen Charakter. Sie sind ebenso für Repräsentation gebaut wie für die Menschen. Sie müssen mehr und mehr den Ansturm von Millionen von Besuchern aushalten, sie schützen und bewahren unersetzliche Kostbarkeiten. Und sie beherbergen eine volatile Materie: Vergangenheit. Das Selbstbild einer Gesellschaft, einer Menschheit, das sich in konservierten Artefakten widerspiegelt.

Daher erregen Museumsneu- und umbauten diese große, fast sakrale Aufmerksamkeit. Neue Kirchen werden ja kaum mehr errichtet, große Moscheen allerdings. Ein Nationalmuseum gleicht einem Heiligtum, wenn es auch, wie in London, Paris oder Berlin, in der Regel mit Fund- oder Raubstücken aus fernen Ländern prunkt, die wir gern als Wiege von Zivilisation und Demokratie ansehen: Mesopotamien, Ägypten, Griechenland, Rom. Sie spiegeln nach wie vor auch die (überkommenen) Machtverhältnisse zwischen den Kontinenten, in der Regel sind dies die ehemaligen Kolonien und Einflusssphären auf der einen und die europäischen Hauptstädte, Zentralen der früheren Kolonialmächte, auf der anderen Seite: London, Paris, Berlin.

Die Berliner Museumsinsel, die sich nun Stück um Stück wieder aufbaut und die mit der Wiedereröffnung des Neuen Museums nach 70 Jahren in der nächsten Woche eine vorläufige Krönung erlebt, weist von den europäischen Universalmuseen die schwierigste Geschichte auf. Durch Weltkrieg und Deutschlands Teilung wurde sie zum Jahrhundertwerk – und zum vielschichtigen Baudenkmal. Weltweit eine Singularität. Das Neue Museum wird nun künftig Schauplatz einer grandiosen Sammlung sein aus den Beständen des Ägyptischen Museums und des Museums für Vor- und Frühgeschichte. Und es demonstriert, was das Ende aller mehr oder weniger ruhmreichen Geschichte ist: Zerstörung, Verfall. David Chipperfield, der mit dem Umbau, Ausbau, Wiederaufbau betraute Architekt – es ist eine Neuschöpfung mit und aus Ruinen – hat ein Meisterwerk geschaffen, changierend zwischen der morbiden Schönheit Pompejis, der eingebildeten Weltmacht des deutschen Kaiserreichs und der harten, unmissverständlichen Sprache des nackten, in Beton gegossenen zentralen Treppenaufgangs.

Der Clash der Baustoffe, Zivilisationen und Epochen taucht die Ausstellungsstücke in ein irisierendes Licht. Man hört die Zeit selbst ticken, memento mori, und man sieht, wie fragil eine Nofretete ist – mit all den malerisch konservierten Spuren der Zerstörung ringsumher. Das Neue Museum eröffnet einen neuen Blick auf die Antike. Sie gewinnt an Plastizität, sie verliert die Illusion des Ewig-Geworfenen. Man meint das Glück mit Händen greifen zu können, dass die Artefakte tausende von Jahren überlebt haben.

Eine fundamentale Frage: Wie beeinflusst Architektur den Eindruck und die Botschaft der Vergangenheit? Was macht Baukunst des 21. Jahrhunderts mit 2000 oder 3000 Jahre alten Köpfen und Skulpturen? Im Juni dieses Jahres wurde in Athen das neue Akropolis-Museum eröffnet, ein kompletter Neubau des schweizer Architekten Bernard Tschumi und seines griechischen Partners Michalis Fotiadis; das dritte Akropolis-Museum nach 1863 und 1937. Die ersten beiden Häuser waren bald viel zu klein.

Direkt unterhalb des Athener Tempelbergs mit dem Parthenon gelegen, schockiert zunächst die strenge Kühle des Schachtelbaus, dessen oberstes, versetztes Stockwerk die Proportionen und Ausrichtung des Parthenon aufnimmt. Im Innern fühlt man sich der Antike gleichzeitig näher und ferner. Näher, weil die Aufstellung und Ausleuchtung der Statuen in einigen Räumen die Illusion erzeugen, man könne jene Athener Jungfrau oder diesen lockigen Athener Jüngling zum Tanz auffordern. Näher auch, weil die Antiken in diesem Ambiente – der Aufgang erinnert an einen Flughafen – abstrakter wirken, zeitgenössischer.

Die Empfindung größerer Ferne hängt mit einem anderen Phänomen zusammen. Eine Sinnestäuschung: Man ist gewohnt, antike Schätze im Fluidum des frühen 20. Jahrhunderts zu betrachten. Unser Bild von der Antike ist immer noch geprägt von Winckelmann, Gustav Schwab und Jacob Burckhardt und ihren Schriften – und von Museen, die gebaut wurden, als es noch keine Klimatechnik und Sensoren gab und deren Wände und Bodenbeläge Spuren jahrzehntealter Vernutzung zeigen. Was sich in einem High-Tech-Haus wie dem neuen Akropolis-Museum ändert, ist der lange eingeübte, über Generationen tradierte Blick auf das Alte.

Wunderbar lässt sich das nachzuvollziehen im Ägyptischen Nationalmuseum Kairo: 1902 wurde der klassizistische Bau eines französichen Architekten und einer italienischen Baufirma eingeweiht. Dies Museum ist selbst ein gigantisches Museumsstück, so viel Staub und Patina haben sich angesetzt. Man fühlt sich dort wie jene Ausgräber, die vor bald 100 Jahren dem Fluch der Pharaonen trotzen und tief in die Sandlöcher hinabstiegen. Bei den Pyramiden von Gizeh planen die Ägypter ein neues Großmuseum. Es soll noch mehr Touristen anziehen und eine Argumentationshilfe sein für die Rückführung der ägyptischen Antiken aus dem Ausland, auch der Nofretete.

Seit der Zeit, als Napoleon Ägypten eroberte und ausplünderte und unschätzbar wertvolle Stücke vor Verfall und Ausverkauf bewahrte, war dies immer die schwer zu widerlegende Politik der Europäer: In unseren Museen sind die antiken Schätze sicher, bei uns stehen sie Wissenschaft und Forschung zur Verfügung.

Im Akropolismuseum mit seiner überwältigenden Schönheitskühle wird der alte mittel- und nordeuropäische Hegemonieanspruch konterkariert. Die Griechen verlangen die so genannten Elgin Marbles vom Parthenonfries zurück. Sie haben dort, wo die Londoner Teile fehlen, wo die vor 200 Jahren außer Landes geschafften Marbles sich eines Tages wieder einfügen sollen, Lücken gelassen. Eine Demonstration, wie das ganze Gebäude: Die Athener Akropolis-Schau ist nun state of the art, nicht mehr das British Museum. Dort schlägt man sich von Fosters himmlisch schwebendem Innenhof in die Nebenräume, die dagegen sehr traditionell und leicht düster wirken.

Noch etwas ist in Athen, im neuen Museum, im Gange: eine Verschiebung der Perspektive. Sämtliche Stücke stammen aus dem Umkreis der Akropolis, entspringen dem genius loci und seinen Zufällen. Etliche Skulpturen weisen Farbspuren auf; rötliche Haare, braun-grün-goldene Reste von Bekleidung. Man weiß: Antike Statuen waren keineswegs strahlend weiß, wie die Häuser auf Santorin, sondern bunt bemalt, mit eingesetzten Augen. Zum ersten Mal wird das in Athen plastisch. Eine andere Antike. Auch im Neuen Museum Berlin fallen Kolorierungen auf, die Farbreste an den Wänden, die Fresken. Sie sind ein Werk des 19. Jahrhunderts, ein Gesamtkunstwerk – was davon übrig blieb, was Chipperfield erhalten hat, wie ein abstrakter Maler.

Lehrstunden in der Leere, in der Fülle: Vergangenheit ist nur das Bild, das wir uns von ihr machen. Immer neu. Eine Antike als solche gibt es nicht. Darüber liegt immer die Gegenwart. „Noch unter der Last der Jahrhunderte malen Sphinxe und Tempel ihre majestätische Ruhe an den Horizont. Nach Ägypten und Griechenland hat Rom überall die unvertilgbaren Spuren seines beharrlichen und stolzen Charkters zurückgelassen“, schwärmte der Bildhauer Auguste Rodin am Ausgang des 19. Jahrhunderts. Es war ein Traum, ein schöner Traum. Was sonst?

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