Kultur : Neues Museum Weimar: Im Nagelwald

Klaus Hammer

Jeder kennt seine Nagelbilder und -skulpturen, doch als Bühnenkünstler ist Günther Uecker weitgehend unbekannt geblieben, obwohl er seit fast 30 Jahren Bühnenentwürfe geschaffen hat - für Beethovens "Leonore" ("Fidelio") 1974 in Bremen, für mehrere Wagner-Aufführungen in Bayreuth und Stuttgart und zuletzt 1999 für Bachs Matthäus-Passion in Berlin.

Das Neue Museum in Weimar zeigt nunmehr jenen Werkkomplex, der neben Ueckers freier Kunst entstand: maßstabsgetreue Bühnenskulpturen, räumlich entwickelte Modelle für die Bühnenbilder der von Uecker betreuten Inszenierungen ebenso wie Skizzenbücher, Zeichnungen, Figurinen, originale Kostüme und Aufführungsfotos. Zudem seine "Optischen Partituren", frühe Zeichnungen von 1959 mit rhythmisch strukturierten, rasterförmigen Punktstrukturen, die eine Hommage auf den amerikanischen Komponisten, Objekt- und Konzeptkünstler John Cage sind. Objekte aus Ueckers "Terrororchester" der 60er Jahre, darunter die Krachmaschine, der New York Dancer, das Kreischfass, das Schlagende Brett und die Vernageltezeitnähmaschine, können per Knopfdruck in Aktion gesetzt werden - es hämmert, zischt und kracht, es dröhnt, knattert und blitzt, alle Sinne gleichzeitig erregend. Schließlich wird der "Schwarzraum Weissraum" von 1972/75 dokumentiert, die performanceartige Demonstration seiner künstlerisch-philosophischen Überzeugungen, die aus der Verehrung für Kasimir Malewitsch, den russischen Pionier der Abstraktion, hervorgegangen ist.

In Zusammenarbeit mit Regisseur Nikolaus Lehnhoff hatte Uecker die Bühnenausstattung für die 1974 auf die Bremer Opernbühne gelangte Neufassung der Beethoven-Oper "Fidelio" unter deren eigentlichen Titel "Leonore" geschaffen. Das Bühnenbild enthüllt von Anfang an "der Frevel Nacht" und taucht die Bühne in beklemmende Dunkelheit, über die das Todespendel schwebt. Uecker gibt eine konsequent schwarz-weiss gehaltene, äusserst reduzierte Ausstattung und Choreografie des Stückes vor. Das Licht, von Uecker als große begehbare Plastik verstanden, wird als überzeugendes Symbol menschlicher Hoffnungen und Utopien, aber auch des Zweifels eingesetzt. Mit Lehnhoff hatte Uecker die Beleuchtung durch eine Taschenlampe in seinen Bühnenmodellen vorinszeniert. Hans Magnus Enzensberger verfasste eine literarische Kurzfassung des Librettos, das eine wunderbare Ergänzung zu Ueckers kompromissloser Bühnenästhetik darstellte.

Ein weiterer Schwerpunkt bilden die Bühnenskulpturen für Projekte, die Uecker in Zusammenarbeit mit Götz Friedrich realisierte: "Parsifal" 1976 in Stuttgart, "Lohengrin" 1979 für die Festspiele in Bayreuth und "Tristan und Isolde" 1981 wieder in Stuttgart. So wie für Wieland Wagner der Raum zur abstrakten Handlungsfülle wurde, wurden Ueckers Parsifal-Räume in ihrer erhellenden Gliederung ein optisch überwältigendes Ereignis. Er wollte den Wagner-Kompositionen großen Spielraum geben, sie "sichtbar" machen, "wahrnehmbar in den Zwischenräumen der optischen Strukturen". Die Parsifal-Bühne ist in drei Ebenen eingeteilt. Die Vorbühne besteht aus zwei ineinander verschränkten Keilen - gedacht als epische Fläche, auf der erzählt wird. Die Hauptbühne bilden dann zwei hintereinanderliegende, die ganze Bühnenbreite ausfüllende, nach hinten schräg ansteigende Flächen, die durch einen Spalt voneinander getrennt sind. Uecker nennt sie "Visionsräume". Das erste Bild des ersten Aufzuges zeigt uns den Ueckerschen Stangenwald: mehr als 30 Säulen, die durch einen langsam wandernden Scheinwerfer ihre Schatten in Richtung Zuschauerräum werfen. Uecker wollte sein Bühnenbild keinesfalls als Illustration, sondern als Lichtskulptur verstanden wissen. In "Lohengrin" stieß er in eine irritierende, aber auch erhellende vierte Dimension vor: Er erweiterte den Raum mit einem grossen Spiegel, der schräg gehängt den oberen Teil der Bühne ausfüllt und damit das sichtbar macht, was dem Publikum sonst verborgen bleiben würde. Auch im "Lohengrin" ist der Ueckersche Nagel präsent in den Lanzen der zum Krieg sich rüstenden Heerscharen, an den Fahnen, die sich wie ein Vorhang in den durchlässigen Käfig-Wänden rings um das Brautbett.

Neben seinem intensiven Wagner-Engagement realisierte er 1989 in Stuttgart in enger Abstimmung mit dem Komponisten Hans Werner Henzes "Die Bassariden". Vor dem Hintergrund des Mauerfalls und der deutschen Wiedervereinigung erfuhren die Grundthemen von Henzes opera seria mit der Stuttgarter Aufführung eine ungeahnte Aktualität. Der Ruf nach individueller Freiheit, nach Unabhängigkeit, auch die Frage nach der Verführbarkeit des Menschen durch politische Systeme wurde thematisiert. Unter dem Eindruck des Bosnien-Krieges entwarf Uecker 1998 das Bühnenbild zur Bachschen Matthäus-Passion, aufgeführt im Frühjahr 1999 in der Deutschen Oper Berlin. Vierzehn Bilder verdeutlichen in Analogie zu den christlichen Kreuzwegstationen menschliches Leid und Brutalität und stehen in engem Zusammenhang mit Ueckers wichtigsten Themen: "Verletzung" und "Aggressionen".

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