Kultur : Neues schaffen ohne Waffen

Jörg Königsdorf

ballt die Panzerfaust in der Oper Anno 82, als der Nato-Doppelbeschluss die Gemüter erhitzte und Tausende mit Parolen wie „Petting statt Pershing“ auf die Straßen gingen, sorgte er für einen krachenden Opernskandal: der mit Messdienern besetzte Panzer, der in Hans Neuenfels’ Inszenierung von Verdis „Macht des Schicksals“ über die Bühne der Deutschen Oper rollte. Heute provoziert das marode Gefährt höchstens noch hämisches Gelächter. Schlimmer noch, der Widerspruch aus proklamierter Aktualität und gefühltem Alter führt den Anspruch des Regietheaters mehr ad absurdum als jede noch so misslungene Neuinszenierung. Die Deutsche Oper sollte die Kulissen nach der letzten Aufführung am Donnerstag also tunlichst in den Schredder werfen – und Kirsten Harms das Repertoire ihres Hauses endlich so gründlich ausmisten, wie es die Staatsoper nach der Wende getan hat. Allerdings: Bis der in letzter Zeit noch einmal kräftig aufgestockte Berg überalterter Inszenierungen abgetragen ist, werden Jahre vergehen. Die Doppelpremiere von Mascagnis „Cavalleria rusticana“ und Leoncavallos „Bajazzo“ am kommenden Sonnabend setzt immerhin ein Zeichen: Der Brite David Pountney, Chef der Bregenzer Festspiele, steht für hintersinnige, aber massenkompatible Werkinterpretationen. Vermutlich müssen die auch kein Vierteljahrhundert halten. Aber weil für den Doppelabend zwei komplette Opernbesetzungen engagiert werden müssen, ist der Spaß doch ziemlich teuer. Und bis 2009 müssen ein paar Millionen gespart werden.

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