Kultur : Neues soll entstehen

NEUE MUSIK

Ulrich Pollmann

Der Komponist als Konzertmusiker, in früheren Zeiten selbstverständlich, ist heute ein Exot. In jüngerer Zeit sticht da nur Messiaen hervor, der jetzt wohl vor dem Thron des Herrn orgelt. Mit Jörg Widmann hat das Ultraschall Festival einem jungen Komponisten ein Porträtkonzert gewidmet, der bereits auf eine glanzvolle Karriere als Klarinettist zurückschaut und als leidenschaftlicher Interpret seiner Werke auftritt. In seiner mit 20 Jahren geschriebenen Fantasie für Klarinette solo präsentiert er außerordentliche Fähigkeiten, ließ aber auch musikalische Wurzeln verräterisch hervorkriechen: Jazz- bis klezmerartige Klänge, mit hinreißender Gestik gespielt und atonal gewürzt, dominieren das Stück. Die folgenden Werke, in den Sophiensälen vom Münchner Ensemble TrioLog gespielt, dokumentieren Widmanns Versuche, eine zeitgenössische Musiksprache zu finden. Die Titel lassen erahnen, wie er das macht: Bruchstücke, Splitter, Skizze – hier wird zunächst einmal zertrümmert. In der Negation von Fluss und Spielfreude sucht er nach Wegen.

Jedoch, das Verdrängte kehrt zuverlässig zurück, immer wieder fügt Widmann, wo er um den Zusammenhang seiner Klänge fürchtet, ungestüme Gesten ein. Theatralik wird hier nicht Gegenstand musikalischen Denkens, sondern Kitt aus Verlegenheit. Von den Spielern wurde dieser Zug seiner Musik des öfteren mimisch so aufdringlich unterstützt, dass man sich an einen gewissen holländischen Showgeiger erinnert fühlte. In seinen neueren Werken beginnt der 30-Jährige, seinen Klängen zu vertrauen. Allmählich hört Widmann in seine Musik hinein, statt sie unnötig anzutreiben. Die Aussichten sind also gar nicht so schlecht.

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