Kultur : Neues Spiel, altes Unglück

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König Lear hat gerufen, und ein fröhliches Yuppievolk versammelt sich am Hof. Man kennt diese Figuren bereits aus Alexander Langs „Hamlet“-Inszenierung, die noch immer im Spielplan des Nationaltheaters Weimar steht. Dazu kommen nun in „König Lear“ ein kahlköpfiger, bepelzter Graf von Kent und drei altklug aufgedrehte Schwestern. Glosters Sohn Edgar stopft sich am Hof Konfekt aus einem Döschchen in den Mund, während er sich später in der Einöde die Haut attraktiv mit schwarzen Streifen verziert. Und sein Halbbruder, der Bastard Edmund, wirft unverdrossen den Intrigantenmantel mit Schwung und führt mit blitzenden Augen den Bösen vor.

An diesem Königshof und in dieser Inszenierung spielen alle überdeutlich Theater. Eitel und ehrgeizig stehen sie unter dauerndem Wettbewerbsdruck. Sie stellen sich auf und aus in einer bunten, aus unterschiedlich hohen Podien von Frank Castorfs Hausbühnenbildner Peter Schubert gebauten Landschaft, in der drei Spielzeugburgen die so genannten „Drei Gleichen“ aus dem thüringischen Umland bei Gotha zitieren.

Die Welt in Alexander Langs „König Lear“ ist eine Narrenbühne, auf der von Beginn an alle Verlierer sind. In Weimar ist eine rabenschwarz pessimistische Sicht in buntem, komödiantischem Spiel zu erleben. Ohne eine Trennung zwischen Guten und Bösen. Auch ohne die Tragik des Alterns oder die Erfahrung von Verra . Alle sind Spieler und kämpfen um die Macht, alle führen eitel Rollen auf und inszenieren sich.

Im Menschenzoo

Nur der Narr ist anders. Katja Paryla nimmt dieser Figur jeden besserwisserischen Witz und macht sie dagegen mit Krönchen, Handtasche und gehemmter Komik zu einer Art traurigen, geduckten Ehefrau des Königs – die immer wieder versucht, Lear aus seinem eitlen Spiel mit einem „Schätzchen, mich friert. Komm nach Hause“ ins wirkliche Leben zurück zu holen. Langs Inszenierung präsentiert einen Menschenzoo, in dem jeder seine Macke kultiviert. Lear ist ein ziemlicher Kotzbrocken, die Aufteilung des Reiches an seine drei Töchter ist für ihn nur ein neues Spiel. So stellt er sich mit der fordernden Haltung vor sie hin: Nun bedient mich mal schön!

Das kichernde Einverständnis der Schwestern bricht Cordelia mit ihrem (ebenso eitlen) Ernst. Und der von Hof zu Hof wandernde Lear, der sogleich mit lärmender Grobheit die innige Hausmusik auf der Burg seiner ersten Tochter Goneril stört, legt sich die Rolle des vagabundierenden, außenseiterischen Künstlers zu. Der schmale Detlef Heintze gibt diesen Lear in fließenden Gewändern und Barrett wie eine Figur aus dem 19. Jahrhundert. Der auch Lears Schmerz nur zitiert und inszeniert. Er lagert sich auch schon mal hin wie „Goethe in der Campagna“. Am Schluß erheben sich auf sein Zeichen alle Toten, und Lear posiert mit heldisch erhobenem Schwert als Sieger in einem Spiel, das mit dem Zitat von Büchners „Danton“, dass die Götter uns Menschen nur zum Spaß töteten, nun wieder auf Anfang zurückgestellt wird.

Bloß keine Tragik!

Alexander Langs Inszenierung besitzt schöne Momente: Wenn mit vielen unterschiedlich farbigen Briefen die Intrigenmechanik des Stückes ausgestellt wird. Oder, wenn Ehrgeiz und Geilheit der um den Bastard konkurrierenden älteren Töchter in hüpfender Unbedenklichkeit daherkommen, während Gonerils Ehemann seine Gegenaktivitäten mit äußerst umständlicher Bedenklichkeit startet. Es ist eine intelligente Inszenierung, die letztlich an ihrem eigenen Konzept und an ihren Darstellern scheitert – weil mit der ausgesparten großen Tragik auch die Spannung aus dem Stück genommen ist. Und weil Langs ikonographisches Theater virtuose Schauspieler verlangt, die in dem mit Schauspielstudenten durchsetzten Ensemble so nicht vorhanden sind. Das Haus feierte dennoch sein Ensemble. Sicher auch, um es bei seiner Suche nach einem Überlebensmodell für ein eigenständiges Nationaltheater Weimar im Kampf mit dem thüringischen Kunstministerium zu unterstützen. Hartmut Krug

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