Neues Stück von René Pollesch an der Volksbühne : Dialoge mit dem Baseballschläger

Die letzten Stücke des Dramatikers und Regisseurs René Pollesch waren metatheatrale Rundumschläge. Doch seine neueste Komödie „House for sale“, die an der Berliner Volksbühne die Spielzeit eröffnet, setzt glücklicherweise mehr auf Pointen denn auf Theorie.

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Traumhaus. Mira Partecke, Christiane Groß und Sophie Rois präsentieren ihre Datsche.
Traumhaus. Mira Partecke, Christiane Groß und Sophie Rois präsentieren ihre Datsche.Foto: imago/DRAMA-Berlin.de

„Schluss mit Konzerten gegen rechts!“, ruft Sophie Rois zu vorgerückter Stunde im unnachahmlichen Rois-Tremolo über die Berliner Volksbühne. Sie hat auch zwei handfeste Alternativmaßnahmen in petto. Erstens: „Knüppel“, zweitens: „Baseballschläger“. Rois’ Kolleginnen intervenieren umgehend. Sie habe da gerade erst diese beispielhaft „beißende Satire über diese Burschen“ in der „Times“ gelesen, eifert Christine Groß: „Unheimlich böse, sag’ ich euch!“ Und so eine „beißende Satire“, skandiert Mira Partecke im schön knatschigen Oberlehrerinnenton, sei „auf jeden Fall besser als Gewalt“. „Ja“, flötet Rois, „eine Satire ist gut. Aber mit Knüppel und Baseballschläger erreicht man den Punkt, wo’s wehtut.“

Willkommen zum Spielzeitauftakt in der Berliner Volksbühne, wo der Dramatiker und Regisseur René Pollesch mal wieder zu einer Art metatheatralem Rundumschlag ausholt. Ging es im letzten Jahr an gleicher Stelle gegen den weit verbreiteten Innerlichkeitskitsch, knöpft sich Pollesch diesmal die gesellschaftskritische Eingreifkunst vor. Die wird ja einerseits – zu Recht – immer wieder eingefordert, sieht dann in der Praxis allerdings gern mal um einiges älter aus als die Verhältnisse, an denen sie sich abarbeitet.

Natürlich ist die Frage, inwiefern mit symbolischem Kunst(hand)werk realen Gewalt-Akten beizukommen ist, alles andere als neu. Angesichts der Lage stellt sie sich nur mal wieder besonders akut. Also stößt sich Pollesch von einem verdienten Klassiker der russischen Ratlosigkeits- und Stagnationsdramatik ab. In weißen Kleidern stehen Rois, Groß und Partecke als Tschechows „Drei Schwestern“ auf der Bühne, parodieren immer wieder Dialogfetzen des auf hohem Niveau leidenden Melancholikerinnen-Trios, das sich „nach Moskau“ sehnt, aber im Provinzhaus des verstorbenen Vaters festhockt.

Auf Bert Neumanns Bühne ist diese Immobilie freilich eher eine Art Einraum-Datsche vor rotem Plastikvorhang, die von der Souffleuse Tina Pfurr erstaunlich forsch übers Szenario gesteuert wird. Die Bude steht zum Verkauf, „House for sale“ heißt das Motto des Abends. Oder, mit Rois gesprochen: „Das Haus verkaufen, mit allem Schluss machen und endlich mal jemandem eine reinschlagen.“ Im Übrigen darf aus dem titelgebenden Nick-Lowe-Song „House for sale“ insbesondere die Zeile „I’m leaving like I’m getting out of jail“ leitmotivisch verstanden werden: Raus aus den alten Paradigmen, den Dualismen, und aus den Beschränkungen des Repräsentationstheaters sowieso. Das gilt bei Pollesch ja immer.

Nichts Neues also im (Theater-)Osten? Stimmt nicht ganz: Von einem an Slavoj Žižek geschulten Religionsdiskurs abgesehen, hält sich die Theoriemasse diesmal für Pollesch-Verhältnisse auffällig im Hintergrund. Dafür gibt es viel lustiges Befindlichkeitsgeplänkel und angewandtes Gender-Switching. Die unschuldsweißen „Drei Schwestern“ mutieren immer wieder zu Colt-Jungs à la „Starsky and Hutch“ oder zu den Schauspielern Withnail und Marwood, die in Bruce Robinsons zum Stagnations- und Landhütten-Genre passender Filmkomödie „Withnail & I“ einen schwulen Onkel in seiner Datsche heimsuchen.

Natürlich ist es unterhaltsam, Rois, Groß und Partecke bei der entsprechenden Virilitätssimulation, Breitbeinigkeitsparodie und dem vitalen Knarrengebrauch zuzusehen. Anderes bleibt ihnen auch nicht übrig. Denn kaum droht sich mal eine theorieverdächtige Vokabel einzuschleichen, fährt Bärbel Bolle als misanthropischer „Schwestern“-Sidekick mit einem unmissverständlichen „Klugscheißer!“ dazwischen. Final stellt Pollesch die kollektive Ratlosigkeit erstaunlich deutungsoffen aus, Vielleicht, sagt Rois, fehle ja doch nur noch „ein einziges Konzert gegen rechts“. Dann stimmt sie einen Seventies-Song an: „What’s so funny ’bout peace, love and understanding“? Wieder am heutigen Freitag sowie am 13. und 16. 9., 19.30 Uhr

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