Kultur : Neues Subventionsfaß?

CLAUS KÄPPLINGER

"Bauausstellung 1999" schon vorab im Kreuzfeuer der KritikVON CLAUS KÄPPLINGERViele Kritiker und nur wenige Verteidiger fand die "Berliner Bauausstellung 1999" bei ihrem ersten öffentlichen Diskussionsforum.Hatten sich ihre Organisatoren eine Diskussion über die Qualitäten des bislang Geplanten erhofft, so wurden sie bald enttäuscht.Podium und Publikum zogen es vielmehr vor, grundsätzlich die Rahmenbedingungen der Bauausstellung anzuzweifeln.Dem durch die Einleitung von Senatsbaudirektorin Barbara Jakubeit vorgebenen Weg, die Möglichkeiten von städtischem Wohnen am Stadtrand zu erörtern, wollte kaum jemand folgen. Erlaubte sich der Moderator des Abends, Carl Steckeweh, Bundesgeschäftsführer des BDA, noch verhalten Zweifel, ob die Bauausstellung wirklich ein "Teil einer neuen, abgestimmten Entwicklungsstrategie" für Berlin sei, so folgten ihm die Referenten mit weit fundamentalerer Kritik.Entgegen des gewohnten Images der Bausparkassen als Propagandisten eines bis zum Kitsch reichenden Schöner Wohnens unterzog etwa der Geschäftsführer von Schwäbisch-Hall Immobilien, Bernd Dittert die heutige Eigenheimrealität einer beißenden Kritik.Mit einem überraschend gewandelten Selbstverständnis wandte er sich gegen deren stereotypen Architektur, deren "Wiederkennungswert gegen Null" ginge.Er forderte differenziertere Wohnungsangebote und stärkere Berücksichtigung der sich verändernden Arbeitswelt durch den Wohnungsbau.Eine neue Architektur könne dies allein nicht leisten, vielmehr müßten auch organisatorisch neue Wege über Erbbaurecht oder neue Kooperationsformen beschritten werden. Dieser Forderung schloß sich Henry Beierlorzer von der IBA Emscherpark an.An der Berliner Bauausstellung vermißte er das Nachdenken über unterschiedliche Realisierungsstrategien, über Integrations- und Kooperationsformen, was zwar keine interessante Architektur garantiere, dafür aber die soziale Nachbarschaft fördere. Der Stadtplaner und Ökonom Roland Stimpel sah hingegen die Bauausstellung als ein neues "Berliner Subventionsfaß" mit zweifelhaften Modellcharakter.Aus der Perspektive überzeugter Städter, nicht potentieller Eigenheimbesitzer würde hier erneut eine Bauideologie im großen Maßstab produziert, die reale Bauwünsche auf vielen kleinen Grundstücken ignoriere.Auf solch vehemente Kritik konnte der österreichische Architekt und Beiratsmitglied Dietmar Eberle nur entgegnen, daß noch keine Bauausstellung Probleme gelöst habe, sie aber oft erst ins Bewußtsein gebracht habe.Wie sein Schweizer Kollege Anatole du Fresne warnte er davor, die Bauausstellung mit Problemen zu überfrachten. Im Deutschen Architekturzentrum verschaffte sich mit dieser Diskussion Unmut, der ein Projekt traf, das zu lange unter Ausschluß der Öffentlichkeit vorangetrieben worden war.Der Ärger darüber verstellte den Blick auf die Qualitäten und Möglichkeiten, die der verdichtete Wohnungsbau der Bauausstellung für Berlin bieten könnte.Gegen die Last einer verfehlten Öffentlichkeitsarbeit und Berlins fatalen Hang zum Grundsätzlichen müssen die Organisatoren ein präziseres und breiteres Programm entwickeln.Denn eine Tatsache war an diesem Abend unumstritten: Peripherie und Eigenheim sind heute zentrale Themen für die Zukunft der Stadt.

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