Kultur : Neues vom Schnepeperl

Ein

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von Christine LemkeMatwey

Mozart – Joannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus mit Taufnamen, genannt Amadé – wird 250, und wie einst lüsterne Mänaden den Ursänger Orpheus, so reißt die globalisierte Welt nun den „Göttlichen“, ihr heiterstes Original-Genie lustvoll in Stücke. Vom „Wolferl Flascherl Set“ für Kleinkinder über Handyklingeltöne nach Köchel-Verzeichnis, Golfbälle und Sondermarken wird es zwischen Tokio und Salzburg alles geben, was der Mozart- Mensch nicht braucht. Und die Mozart- Musik erst recht nicht. 21 500 000 Einträge bei Google in 0,18 Sekunden. Selbst dieser Ausverkauf der Oberfläche aber ist ein alter Hut. Schließlich liegt das letzte Jubiläum erst 15 Jahre zurück: Mozarts 200. Todestag galt es zu feiern, und all die Nockerln und M-Kugeln machen uns heute noch geistig-gastritische Beschwerden.

Macht alles nix, weil ein M-Zopf auf der Küchenrolle immer noch witziger ist als jedes Fußball-WM-Maskottchen? Außerdem holt die Kultur 2006 in der Tat zum großen Schlag aus. M-Wochen, M- Wachen, M-Wettbewerbe so weit die Ohren reichen. 3sat läutet das Jahr mit einem 24-Stunden-Thementag ein, das Theater an der Wien wird als M-Haus neu eröffnet, am Ehrentag selbst, dem 27. Januar, heben sich zwischen Paris und Leipzig über diversen glanzvollen M-Premieren die Vorhänge (Michael Haneke, der Regisseur von „Funny Games“, inszeniert „Don Giovanni“!), die Salzburger Festspiele wollen im Sommer alle 22 M-Opern stemmen, und neue Bücher und CDs verkrümeln sich wie Sand am weiten M-Meer. Einzig die Bayreuther Festspiele trotzen mal wieder und bleiben M-freie Zone.

Ob uns dieser ganze Aushub klüger macht, sensibler, empfänglicher für des Meisters reiche Kobold-Künste? Ob eine schönere, wahrere Musik dabei herauskommt? Wir werden’s erfahren. Oder auch nicht. Denn wie schreibt Mozart am 6. Juli 1791 an seine in Baden bei Wien zur Kur weilende Frau Constanze? „und nun lebe recht wohl – benutze deinen tischNarren – denkt und redet oft von mir – liebe mich ewig wie ich dich liebe, und sey Ewig meine stanzi Marini, wie ich ewig seyn werde dein Stu! – Knaller paller – schnip – schnap – schnur – Schnepeperl. snai! –“

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