Kultur : Neues von Walser: "Chaplin" statt "Freisler"

Die seit Mittwochabend vom Frankfurter Suhrkamp Verlag an Journalisten verschickte Fassung des umstrittenen Roman-Manuskripts von Martin Walser "Tod eines Kritikers" enthält bereits Änderungen zu einer früheren Version, die der "Frankfurter Allgemeinen" zum Vorabdruck angeboten war. Der Verlag wiederholt zugleich den Vorwurf,FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher habe in seinem Offenen Brief an Walser aus einer vertraulich zu behandelnden, unlektorierten Fassung zitiert. In dieser Version hatte es zum Beispiel geheißen, der betrunkene, des Mordes am jüdischen Kritiker André Ehrl-König beschuldigte Autor Hans Lach sage über Ehrl-König: "Seit Freisler hat doch keiner mehr so vor laufender Kamera rumgerudert und rumgebrüllt." Jetzt ist der Präsident des NS-Volksgerichtshofs Freisler durch Charlie Chaplin ersetzt, mit dem Film "Der große Diktator" - die Szene also erheblich "entschärft".

Dass es kontroverse Diskussionen im Suhrkamp-Lektorat über das neue Manuskript von Walser gegeben habe, bestätigen Mitarbeiter des Verlags. Nicht bestätigt wird dort allerdings auf die Äußerung Martin Walsers im gestrigen Tagesspiegel-Gespräch, Verlagschef Siegfried Unseld habe ihn "begeistert" angerufen und gesagt "Es ist ein Meisterwerk!". Ein langjähriger Lektor des Hauses hält es zwar für "wahrscheinlich, dass es diesen Anruf gegeben hat", aber er "möchte nicht darüber spekulieren, was Unseld gesagt hat". In den Lektoratsgesprächen, bei denen es um den neuen Walser-Roman ging, habe sich (der jetzt schwer erkrankte) Unseld "eher rausgehalten."

Der Schriftsteller Günter Kunert vermutet einen Walserschen "Racheakt". Walser sehe sich permanent als "Opfer des bösen Juden Reich-Ranicki". Auch der Publizist Ralph Giordano hält es für "keinen Zufall" und "nicht normal, dass er sich wieder einen Juden vornimmt". Dagegen betont die Autorin und Holocaust-Überlebende Ruth Klüger: "Für mich ist Walser kein Antisemit."

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