NEUGERRIEMSCHNEIDER : Poetische Kunst des Simon Starling

Sie sind Verwandte und Fremde, die beiden Marmorblöcke, die sich in der Galerie Neugerriemschneider gegenüber hängen. Gravitätische Potenziale, sich gegenseitig über einen Flaschenzug in der Schwebe haltend, als würden sie sich im Auswiegen vorsichtig kennenlernen.

Kolja Reichert

Berlin Der eine kommt aus China, der andere aus Carrara. Der eine wiegt eine alte Britische Tonne, der andere ein Viertel. Der Marmor, mit dessen Glanz die europäische Geschichte gerne Größe zeigt, trifft auf Billigmaterial aus Fernost. Dabei bildet hier, in Umkehrung der gängigen Klischees, der Carrarastein die Kopie. Vor dem Markt sind sie gleich: Sie zu brechen, zu fräsen und in die Linienstraße zu bringen, hatte denselben Preis.

Simon Starlings Kunst ist poetisch, vor allem aber präzise Prosa: Indem sie von der Arbeit erzählt, die in sie einging, bringt sie vormals verborgene Bande zwischen Orten und Zeiten zutage. Der Druckstein „Archaeopteryx Lithographica“ erzählt von der Verschränkung von Drucktechnik und Archäologie. Und die Fotos, auf denen sich chinesische Polierer in der Edelstahlskulptur spiegeln, die sie für eine Ausstellung in den USA vorbereiten, reflektieren die ökonomischen Bedingungen von Starlings Kunst selbst. Kolja Reichert

Neugerriemschneider, Linienstr. 155; bis 27. Juni, Di–Sa 11–18 Uhr.

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