Kultur : Neugier und Heuriger

Was Simon Rattle und Berlins Philharmoniker 2004/05 planen

Frederik Hanssen

Der Mann ist schon ein Phänomen: Immer, wenn Sir Simon Rattle auftritt, möchte man applaudieren. Egal, ob er als Dirigent auf der Bühne steht oder ob er nur ein paar Worte spricht, wie gestern bei der Jahrespressekonferenz der Berliner Philharmoniker. Der Brite nämlich ist nicht nur ein Vollprofi im Umgang mit Publikum und Presse, sondern auch ebenso intelligent wie umwerfend charmant. Fragt man ihn beispielsweise, warum in der kommenden Saison weder Lorin Maazel noch James Levine, weder Riccardo Muti noch Zubin Mehta bei den Philharmonikern auftreten, antwortet er: „Die Zeiten, wo international gefragte Dirigenten überall auf der Welt zu erleben waren, sind vorbei. Heute suchen sie sich einen kleinen Kreis von Orchestern, mit denen sie regelmäßig arbeiten. Das könnte der künstlerischen Qualität gut tun.“ Dann zögert er einen kurzen Moment. Und fügt mit dem zauberhaftesten Lächeln der Welt hinzu: „Nein, das tut der künstlerischen Qualität gut!“

Von den 124 Sinfoniekonzerten, die die Berliner Philharmoniker in der Spielzeit 2004/2005 absolvieren, dirigiert Rattle 70 Abende (33 davon auf Tourneen) – und verhält sich damit vorbildlich im Sinne seiner eigenen These. Aber die Abkehr vieler Pultstars vom Jetset hat in Berlin auch noch einen weiteren Vorteil: So bekommen jüngere Maestri und Spezialisten für Alte respektive Neue Musik häufiger die Chance, mit den Philharmonikern zu arbeiten: Marc Albrecht, Sakari Oramo und Osmo Vänskä sind erstmals eingeladen, William Christie und David Robertson kehren nach erfolgreichen Konzerten wieder. Nikolaus Harnoncourt wird seinen Schubert-Zyklus fortsetzen, Claudio Abbado zum ersten Mal nach dem Ende seiner Amtszeit im Mai 2005 als Gastdirigent nach Berlin kommen.

Überraschend aufgetaucht ist ein Klavierkonzert, das Paul Hindemith zwar schon 1923 geschrieben hat, das aber seine Uraufführung aus ungeklärter Ursache nie erlebte. Die Philharmoniker holen dies mit dem Pianisten Leon Fleisher im Dezember 2004 nach. Und noch eine Überraschung hatte Sir Simon zu verkünden: „Erstmalig werden die Berliner Philharmoniker außerhalb eines Heurigen-Lokals mit den Wiener Philharmonikern zusammentreffen.“ Am 2. Mai spielen die Spitzenensembles unter Rattles Leitung Vaughn Williams „Tallis-Fantasia“ und Mahlers sechste Sinfonie. „Die Musiker sind wahnsinnig neugierig aufeinander.“ Wie bitte? Gab es da nicht diese ewige Rivalität zwischen Wien und Berlin? „So etwas“, sagt der Dirigent und lächelt wieder diese Rattle- Lächeln, „gehört doch einem anderen Jahrhundert an.“

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