Neukölln-Roman : Inge Milinski lebt hier nicht mehr

Johannes Groschupf setzt mit seinem Roman „Hinterhofhelden“ dem Neukölln der 80er ein Denkmal. Mit geradezu archäologischem Gespür rettet der Autor die Spuren eines noch nicht lange vergangenen, aber bereits entrückten Alltags vor dem Vergessenwerden.

Christian Schröder
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Treppenplatz. Johannes Groschupf erzählt poetisch vom rauen Alltag. Foto: Mike Wolff

Die Frühlingsluft weht ungewohnt warm durch Neukölln. Auf der Karl-MarxStraße sind die Menschen wie immer in Eile. Das Licht wirkt milder, die Gesichter weniger frostig. Im Café Rix, einem wilhelminischen Prachtbau mit goldenen Wänden, sitzt Johannes Groschupf an einem Ecktisch, vor ihm Notizbuch und Kugelschreiber. Zur Begrüßung springt er auf. Er ist sehr groß, trägt ein schwarzes Jackett zur Jeans und lächelt freundlich.

Die ersten drei Sätze dieses Textes stammen, leicht abgewandelt, aus Groschupfs gerade erschienenem Buch „Hinterhofhelden“. Der Held des NeuköllnRomans ist lang und dünn wie sein Autor – „sein schmales Gesicht wirkte wie ein Fragezeichen“ –, er heißt zwar nicht Johannes, aber immerhin Hans. Dem Image des Bezirks als Hartz-IV-Hochburg, Hundehaufen-Eldorado und Problemschulen-Hölle setzt der Roman eine präzis registrierende, mitunter schwebend leichte Sprache entgegen.

So poetisch ist über das als rau geltende Quartier vielleicht noch nie berichtet worden: „Neukölln beginnt am Hermannplatz. Man merkt es am Geruch, der aus den Seitenstraßen kommt, am unverwechselbaren Geruch nach Küchenabfällen, Kohlsuppe und feuchten Zeitungen.“ Eine Liebeserklärung? „Ja, schon“, sagt Groschupf. „Ich mag das Berlinische an Berlin, davon lässt sich in Neukölln noch viel finden. Die Menschen wohnen dicht nebeneinander, man hört das Husten und das Weckerklingeln am Morgen, den Trinker, der nachts tobt. In diesem Miteinander sind viele Geschichten verborgen.“ „Hinterhofhelden“ spielt in den achtziger Jahren, in der versunkenen Welt des alten West-Berlin, man merkt das an der Kohlsuppe, an den Teppichstangen für den Frühjahrsputz und an der Musik von Bonnie Tyler im Treppenhaus.

Hans Odefey, 20, kommt aus der norddeutschen Provinz nach Berlin, um dort, „weil er sonst nichts vorhatte“, zu studieren. Er landet in einer Einzimmerwohnung mit Außenklo an der Fuldastraße/Ecke Sonnenallee. Das Studium lässt er gleich sein, stattdessen gerät er in amouröse Verwicklungen mit der Frau des Hauswarts, prügelt sich mit BVG-Kontrolleuren, verliebt sich in eine Kellnerin und wird von ihr verlassen, weil er das Kind nicht will, das sie von ihm bekommt. Das Leben ist prall und nicht ungefährlich, Odefey lernt, sich durchzuboxen. Am Ende zieht er aus, als gereifter Held – ein Topos im Entwicklungsroman seit Eichendorffs „Taugenichts“ – und kann zu neuen Abenteuern aufbrechen.

Groschupf hat in den achtziger Jahren tatsächlich an der Fuldastraße/Ecke Sonnenallee gewohnt. An die Höhe der Miete für die Einzimmerwohnung kann er sich noch exakt erinnern: 92 Mark. 1963 in Braunschweig geboren, kam er nach Berlin, um der Bundeswehr zu entgehen. Sein Germanistik-Studium ließ er „sanft auslaufen“. „Ich saß in der U-Bahn, las Goethes West-Östlichen Divan und fragte mich, was das mit meiner Berliner Gegenwart zu tun hat.“

Groschupf wurde Journalist, schrieb Reportagen für die „taz“ und Reisefeatures für „FAZ“, „Zeit“ und den NDR. Odefey, das Alter ego, stillt seinen Wirklichkeitshunger, indem er bei einem Trödler in der Flughafenstraße eine Kamera kauft und fortan die Straßen von Neukölln fotografiert, Bilder von Schulkindern, Hauseingängen und Klingelschildern macht. Groschupf lebt längst in Kreuzberg, spaziert aber gelegentlich durch Neukölln und ist immer noch begeistert, wenn er dort auf einem Klingelschild Alt-Berliner Namen entdeckt, Bednarsch, Inge Milinski, Damaschke oder Gullnick.

„Hinterhofhelden“ steckt voll solcher Details, mit geradezu archäologischem Gespür rettet Groschupf die Spuren eines noch nicht lange vergangenen, aber bereits entrückten Alltags vor dem Vergessenwerden. Odefey tanzt im „Sector“, einer Rockdisco an der Hasenheide, läuft am Billig-Puff „Pigalle-Bar“ vorbei und kehrt im „Ambrosius“ ein, einer Trinkerhöhle mit Hinterzimmer-Schwof am Sonnabend. Die legendäre Kaschemme an der Sonnenallee heißt mittlerweile „Aquila“, die Eckkneipe „Hammer“ musste einem Matratzenladen weichen und der „Blaue Affe“ wartet seit einem halben Jahr auf die Wiedereröffnung. Neukölln hat sich verändert in den letzten zwanzig Jahren. Es riecht im Winter nicht mehr nach Heizkohle und die Sonnenallee, sein alter Kiez, „ist jetzt fest in arabischer Hand“, sagt der Autor.

Schon als Teenager träumte Groschupf davon, Schriftsteller zu werden. Sein erstes Buch schrieb er mit Ende dreißig, Auslöser dafür war ein traumatisches Erlebnis, „ein tiefer Einschnitt in meinem Leben“. 1994 verunglückte er bei einer Recherchereise mit dem Hubschrauber über der Sahara. Zwölf Menschen starben beim Absturz, nur der Kopilot und Groschupf überlebten. Seine Haut war zu achtzig Prozent verbrannt, er verbrachte ein Jahr im Krankenhaus. Über die Nahtoderfahrung und seine Rückkehr ins Leben schrieb Groschupf ein preisgekröntes Radio-Feature und seinen Debütroman „Zu weit draußen“, der 2005 herauskam.

Hans Odefey, der Lebenskünstler und Hinterhofheld, wird am Ende des neuen Romans von Duke und Ralle abgeholt, seinen Kumpels aus dem „Ambrosius“. „Wir wollen dir wat schenken“, sagen sie und bringen ihn zu einer Tätowierstube an der Karl-Marx-Straße. Odefey lässt sich einen Schriftzug auf den Arm stechen: „1000 Berlin 44“. Und darüber das Neuköllner Wappen. Johanniterkreuz, böhmischer Kelch und märkischer Adler unter den Burgzinnen mit dem Berliner Bären. Man kann Neukölln hinter sich lassen. Aber etwas nimmt man immer mit.

Johannes Groschupf: Hinterhofhelden, Eichborn, 218 S., 19,95 €. Groschupf liest am 26. 3. (19.30 Uhr) bei Hugendubel (Neukölln-Arcaden), am 3.4. (21 Uhr) im Froschkönig (Weisestr. 17) und am 10.4. (19 Uhr) im Leuchtturm (Emser Str. 117).

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