Neuköllner Oper : Ercans Erleuchtung

Berliner Volkstheater: „Türkisch für Liebhaber“ an der Neuköllner Oper.

Carsten Niemann

Als Anfang 1791 im Wiener Theater an der Wieden die Türkenoper „Der wohltätige Derwisch“ zur Uraufführung kam, ahnte niemand, dass sie zur Geburtshelferin der beliebtesten Oper aller Zeiten werden würde. Sollte wenige Monate später doch unter Mitwirkung des Textdichters Emanuel Schikaneder Mozarts „Zauberflöte“ uraufgeführt werden – wobei so mancher Charakter der anspruchslosen Posse ausgebaut und so mancher musikdramaturgische Kniff übernommen wurde. Daran erinnert man sich beim Besuch der Premiere von „Türkisch für Liebhaber“ an der Neuköllner Oper. Das Stück, zu dem die Berliner Deutsch-Türkin Dilek Güngör den Text schrieb und die türkisch-deutsche Komponistin Sinem Altan die Musik teils bearbeitete, teils neu komponierte, ist eine weitere Übermalung von Schikaneders Posse. Wobei sich die beiden Künstlerinnen genau für den Aspekt interessieren, den Mozart in die „Zauberflöte“ zu übernehmen vergaß: die Frage nach der türkischen Identität.

Altans und Güngörs Singspiel ist sicher alles andere als eine neue „Zauberflöte“. Aber es ist der Versuch, dem Musiktheater endlich das zuzutrauen, was in Filmen wie „Gegen die Wand“ oder „Good bye, Lenin“ bereits gelang: Als Minderheit der Mehrheit die eigene Geschichte so zu erzählen, dass sie emotional nachvollziehbar wird. Güngör erreicht dies durch einen einfachen Kunstgriff: Aus dem Taminoartigen Prinzen der Vorlage macht sie einen jungen türkischen Architekten namens Ercan, der zum Praktikum nach Berlin reist. Sie quartiert ihn bei seiner Neuköllner Verwandtschaft ein, lässt ihn einen kleinen Kulturschock erleben und macht ihn damit zugleich zur Identifikationsfigur für die deutschen Zuschauer. Mit raffiniertem Witz schafft die Alltagsbeobachterin Güngör Situationen, in denen Klischees ad absurdum geführt werden: so etwa, wenn sich der Praktikant Ercan weigert, für seine Chefin Kaffee zu holen und so in die Rolle des türkischen Machos gedrängt wird.

Von den Identitätskrisen, in die Güngör ihre Figuren führt, kann sie die Musik nicht erlösen: Zahlreiche Nummern der geschickt für westliche wie türkische Instrumente bearbeiteten Originalpartitur erscheinen in einem ironisierten Kontext: Die frauenfeindlichen Verse des Originals werden einem chauvinistischen Onkel in den Mund gelegt, und wenn Ercan „Ach die Teure liebet mich“ schmachtet, wird damit auch die Gültigkeit des klassischen Musikerbes subtil hinterfragt. Ganz bei sich ist Begüm Tüzemen, die einige von türkischer Volks- und Unterhaltungsmusik inspirierte Nummern singt, wobei sie jedoch dramaturgisch außerhalb der Handlung steht. Die wahre Lingua franca des Stücks sind die Eigenkompositionen von Sinem Altan: handwerklich gut gemachte Ensembles, die dem Hörer allerdings keine emotionale Heimat bieten: Ein Dilemma, das wohl nur ein neuer Mozart überwinden könnte.

Die Popularität von Schikaneders „Derwisch“ könnte das von Søren Schuhmacher einfallsreich inszenierte Stück dagegen sehr wohl erreichen, allerdings müsste man dazu Sängerdarsteller finden, die sowohl in türkischer wie auch klassischer Opern-Musik zu Hause sind – so wie es hier nur Aline Vogt als Mine und Nina Reithmeier als Sinem zeigen. Zumindest schauspielerisch können die übrigen Darsteller aber so überzeugen, dass das große Potenzial dieser neuen Form eines Neuköllner Volkstheaters klar erkennbar wird.

Wieder am 6. und 7., vom 11.–14. und 18.–21. sowie 26.–28. Dezember

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