Neuköllner Oper : Mandelaugen und Schlangenkörper

David Mouchtar-Samorai zeigt an der Neuköllner Oper „Die Akte Carmen“. Als klassisches Geschlechterdrama wird die meistgespielte Oper der Welt aber nicht inszeniert.

Zwischen schwarzlichtschimmernden Gummiseilen: "Die Akte Carmen" an der Neuköllner Oper.
Zwischen schwarzlichtschimmernden Gummiseilen: "Die Akte Carmen" an der Neuköllner Oper.Foto: PROMO

„Carmen“ – ein politisches Stück? Oder eher eines über die ewige Attraktion der Körper und das Urbild der kettensprengenden Frau, die Bindungen nicht akzeptiert? Über das Gift der Eifersucht und die Liebe, die nicht davor schützt, zum Mörder zu werden? Und auch dies: Eine Männerfantasie? Als klassisches Geschlechterdrama will die Neuköllner Oper, die sich gern mit den Realitäten vor ihrer Pforte an der Karl-Marx-Straße auseinandersetzt, die meistgespielte Oper der Welt natürlich nicht inszenieren. Lieber verpasst sie dem Stück, das hier „Die Akte Carmen“ heißt, einen programmatischen Überbau, in dem dann zu lesen ist: Die Zigeunerin Carmen steht für die Ausgegrenzten, die Roma und Sinti, Bulgaren oder Rumänen mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus, von denen viele in Neukölln leben. So wappnet man sich für den Fall, dass der Abend noch viel mehr hereinlässt: die ganze grausame Gegenwart der Jahre 2014 und 2015, ertrinkende Flüchtlinge, dschihadistischen Terror und den reflexhaften Fremdenhass, den er generiert. Pegida, Legida und Bärgida, all dem wird man bestimmt begegnen.

Farrah El-Dibany als Carmen: Sensationell

Es kommt anders. Der Grenzzaun von Melilla ist zwar da, als abstraktes Gespinst aus schwarzlichtschimmernden Gummiseilen (Bühne: Heinz Hauser), die die Darsteller durchsteigen müssen. Ansonsten aber tastet sich die Inszenierung von David Mouchtar-Samorai, der häufig zum Berliner Theatertreffen eingeladen war, unerwartet eng am Original entlang. Im Zentrum stehen Liebe, sexuelles Begehren und die Verheerungen, die sie anrichten. Die Dichotomie „Wir drinnen – ihr da draußen“ bleibt marginal, verkörpert etwa in der Gestalt des sadistischen Leutnants Zuniga, Don Josés Chef. Eine Nebenfigur, die Lars Feistkorn allerdings mit einem Donnerbass singt, vor dem jeder sofort strammsteht. Überhaupt punktet der Abend stimmlich, sensationell ist Farrah El-Dibany als Carmen. Voluminöser Mezzo, burgunderrot, rauchiges Timbre, orientalisch, mystisch, dalidaesk. Dazu lauernde Mandelaugen und ein schlangengliedriger Körper, mit dem sie sich vor José auf dem Boden räkelt, ihn von hinten umschlingt, ihn in den Wahnsinn treibt – und fallen lässt.

Die Ägypterin sollte unbedingt häufiger besetzt werden, wie auch Elpiniki Zervou, keine Unbekannte an der Neuköllner Oper. Sie singt Frasquita, eine von Carmens Gefährtinnen. Mit der Präsenz und dem Einsatz einer Hauptdarstellerin, wann gibt man ihr endlich eine große Rolle? Mirjam Miesterfeldt holt ebenfalls mit mädchenhaft knospendem Sopran das Maximum aus ihrem Schicksal als Josés treuspießiger Freundin Micaëla heraus.

David Mouchtar-Samorai schafft musikalisch stimmigen Abend

Allerdings muss man sich Sorgen machen um Christian Schleicher, der diesen Don José singt. Zwar entspricht er als Mark-Wahlberg-Lookalike im SEK-Kampfanzug durchaus dem stattlichen Bild, das man sich von dem Sergeanten macht. Aber welch leidvolle Momente durchlebt der Hörer, wenn sich Schleicher mit letzter Kraft in eine wacklige, substanzlose Höhe hinaufhievt, und das passiert andauernd. Offenbar ist die Tenorlage schlicht die falsche für ihn.

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Stimmlich überzeugend hingegen Felix Bruder, der den Torero Escamillo im schmierigem Goldkettchenstyle kernig durchsingt. Bijan Azadian hat Bizets Musik für kleines Orchester – die Leitung liegt in den verlässlichen Händen von Hans-Peter Kirchberg –, für Tamburin, Melodika, Cello, Tuba, Bass und weitere Instrumente arrangiert. Und auch wenn er mit dem Saxofon sparsamer umgehen sollte, gewinnt die Partitur nochmals an Leichtigkeit: Nietzsche, der „Carmen“ bekanntlich als Remedium gegen Wagner bejubelte, hätte das gefallen. Musikalisch also ein gelungener Abend. Das Missverhältnis zwischen dem Metatext zur Flüchtlingsproblematik, der die Inszenierung bewirbt, und dem szenisch doch sehr konventionellen Ergebnis verwundert trotzdem.

Spielzeit vom 22.1.2015 bis 25.2. 2015

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