Neuköllner Oper : Was macht Beethoven im Fotoautomaten?

Philosphische Gedankentiefe und Tastengewitter: Die Neuköllner Oper lädt zum „Büro für postidentisches Leben“.

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Chaos? Modernes Büroleben!
Chaos? Modernes Büroleben!Foto: J. Aznar

Dieser Abend beginnt mit einem Versprechen: Nichts weniger als das „perfekte identische Leben“ verheißt ein Sprecher in der Neuköllner Oper – und das, obwohl das Angebot an Identitäten, aus denen der durchschnittliche westliche Zuschauer im Zeitalter von Postmoderne und Postideologie wählen kann, unbegrenzt wirkt. Als Begleiter auf dem Weg dient sich das „Büro für postidentisches Leben“ an: eine Institution, die sich Matthias Rebstock und Tilman Rammstedt (bekannt von ihrer Kultproduktion „Referentinnen“) sowie Marc Rosich und Raquel García-Tomás in Koproduktion mit der Òpera de Butxaca i Nova Creació Barcelona ausgedacht haben.

Dieses Büro ist allerdings eine höchst dubiose Anlaufstelle, deren Anrufbeantworter mit dem verwirrenden Weiterleitungssystem bereits eine treffende Satire auf Wahlqualen in der Dienstleistungsgesellschaft darstellt. Und schon ist man drin im Sog eines Abends von amüsanten, wild mäandernden Assoziationen, in denen die mit modischen grauen Perücken ausgestatteten Büroangestellten in einem – glücklicherweise übertitelten – Mix aus Deutsch, Englisch und Spanisch verspielt dem Begriff der individuellen Freiheit hinterherjagen. In die philosophisch-dadaistischen Dialoge, zu denen als Höhepunkte Beichten verwirrter Identitätssuchender im Fotofixautomaten zählen, ist neben Punk-, Jazz- und Avantgardeschnipseln auch Musik von Beethoven eingewoben: jenem Komponisten, der das Pathos der individuellen Freiheit formulierte und doch auch derjenige war, der in seinem Spätwerk den individuellen Ausdruck bis an die Grenze der Dekonstruktion musikalischer Formen trieb.

Dass das Spiel mit dem Freiheitsbegriff stets eine gewisse Leichtigkeit behält, liegt auch an der Vielseitigkeit der Darsteller, die souverän zwischen Sprache, Choreografie und musikalischen Aktionen wechseln – allen voran Panagotis Iliopoulos am Klavier, der philosophische Gedanken und Tastendonner in Sekundenschnelle abwechseln lässt. Mit einem kurzen Ausschnitt aus Beethovens Op. 111 behält er auch das letzte Wort: Ein wehmütiger Hymnus auf die Dissoziation, der nach diesem Abend verblüffend zeitgenössisch wirkt.

wieder 22.-25., 29. und 30.9. und Oktober

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