• Neuordnung der Wahlkreise: "Debatten sind wie ein sportlicher Wettbewerb" - Norbert Blüm über inszenierte Politik, das Parlament und seinen Abschied

Kultur : Neuordnung der Wahlkreise: "Debatten sind wie ein sportlicher Wettbewerb" - Norbert Blüm über inszenierte Politik, das Parlament und seinen Abschied

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Norbert Blüm (66) war Arbeits- und Sozialminister. Nach fast 30 Jahren im Bundestag wird der CDU-Politiker nicht mehr kandidieren.

Herr Blüm, Sie werden dem nächsten Bundestag nicht mehr angehören, nach fast 30 Jahren als Abgeordneter. Schon wehmütig?

Ach nein. Man muss schon auch loslassen können. Aber so eine richtige Debatte, die fehlt mir schon. Wenn ich daran denke, dann bekomme ich glatt Lust ...

Was ist denn so spannend daran?

Der Bundestag ist der Ort, an dem sich Regierung und Opposition duellieren. Fair, aber hart in der sachlichen Auseinandersetzung. Das ist eine tolle Sache. Fast wie ein sportlicher Wettbewerb. Den anderen mit einem Satz zu treffen, das fand ich immer gut. Zwischenrufen und antworten. Ein Ping-Pong-Spiel. Sie halten eine Rede, es ruft jemand von einer anderen Partei etwas dazwischen, und sie reagieren prompt und wehren die verbale Attacke ab. Das macht Spaß. Und wenn es einem nicht gelingt, dann ist das wie beim Boxen, wenn sie die Deckung zu weit unten haben. Der andere trifft dann mitten hinein. Das tut dann auch weh. Hinterher sollte man trotzdem ein Bier zusammen trinken gehen.

Warum gib es denn immer seltener solche Debatten und Rededuelle, die Sie so mögen?

Es gibt sicherlich einige Gründe dafür. Zunächst: Wir müssen wieder auf unsere Sprache achten. Ganz ehrlich, mir geht die Sprache heute manchmal auf den Keks. Kein Mensch versteht diese Fachsprache, und da möchte ich ausdrücklich die Sozialpolitik mit einbeziehen. Man kann sich auch mit einfachen Worten ausdrücken, mit der Sprache des Volkes.

Wie ein Strauß oder ein Wehner?

Ja, diese Leute waren Originale, nicht reine Fachleute. Der Strauß konnte in wunderbaren Bildern reden, mittlerweile registriere ich eine große Metaphernarmut. Heute haben wir aber auch viel zu sehr Angst vor Konflikten. Die Leute sind fachlich prima informiert, aber sie haben keinen Mut, mal was zu riskieren. Das muss sich wieder ändern. Es stört mich eben, dass an Stelle der harten Sachauseinandersetzung der geplante Auftritt steht, die Verwandlung der Politik in Marketing, in inszenierte Politik.

Liegt in der fachlichen Kompetenz nicht auch die Chance auf mehr Substanz?

Bestimmt. Um Gottes Willen, ich möchte nur nicht den Eindruck erwecken, früher sei alles besser gewesen. Die heutigen Parlamentsdebatten werden viel breiter verfolgt als früher, was natürlich mit den Medien zusammenhängt. Die Abgeordneten haben viel mehr Unterstützung von Fachleuten, die Debatten werden also durchaus von stärkerem Sachpotenzial getragen. Aber: Sie verlieren auch an Volksnähe.

War es früher einfacher, Abgeordneter im Parlament zu sein?

Zumindest ertrinken wir heute in Information. Man muss viel Wissensmüll beseitigen.

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