Neustart der Liars : Kluger Krach

Allein ist man weniger zu zweit: die Liars und ihr Waldeinsamkeitsalbum „TFCF“. Entstanden ist es als Einmannprojekt von Sänger Angus Andrews im australischen Outback.

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Verliebt ins eigene Ich. Angus Andrews von den Liars.
Verliebt ins eigene Ich. Angus Andrews von den Liars.Foto: Mute

Die Bezeichnung „experimentell“ für eine Rockband fungiert auch als Warnschild. Denn je avantgardistischer es wird, desto mehr gilt die Wilhelm-Busch-Formel: „Musik wird oft nicht schön gefunden / Weil sie mit Geräusch verbunden.“

Als der Sänger Angus Andrew und der Gitarrist Aaron Hemphill, beiden stammen aus Australien, im Jahr 2001 ihr Noise-Projekt Liars gründeten, signalisierte bereits der überlange Titel des Debütalbums, dass es ihnen nicht darum ging, in die Charts zu kommen: „They Threw Us All in a Trench and Stuck a Monument on Top.“ Für ihren Dada-Pop konnte es keinen besseren Ort geben als New York, denn das war spätestens seit der No-Wave-Bewegung die Welthauptstadt der klugen Krachmusik. Die Liars mischten „Psycho“-Soundtrackschnipsel mit Industrialrhythmen und Dilettanten-Hip-Hop, die „New York Times“ feierte es als „dissonanten Funk-Punk“.

Auf keinen Fall in die Charts kommen

Ein Schlachtruf der Band in ihren frühen Tagen lautete: „Not to political, not to clever“, aber sie war clever genug, für ihre zweite, 2004 erschienene Platte „They Were Wrong, So We Drowned“ einen Vertrag mit dem legendären Londoner Elektro-Label Mute zu unterschreiben. Seither wechselte die Gruppe räumlich zwischen New York, Los Angeles, Australien und Berlin hin und her, doch ihrer Plattenfirma ist sie bis jetzt treu geblieben, wo mit „TFCF“ gerade das achte Studioalbum herausgekommen ist.

Mit dem Wechsel zum Label, das Depeche Mode entdeckte, begann für die Liars ein langer Marsch in Richtung Hörbarkeit, auf dem sie inzwischen ungefähr bei den frühen Radiohead angekommen sind: immer noch knarzend, aber mitunter betörend melodiös. Viele alte Fans haben ihnen die Zuwendung zum Pop übel genommen, doch kürzlich sagte James Murphy, der mit seinem LCD Soundsystem derselben New Yorker Jahrtausendwendeszene entstammt, anerkennend: „Sie schauen niemals zurück.“

Trennung nach fünfzehn Jahren

Hatten sie ihr meisterhaftes Album „Mess“ 2014 noch vollständig elektronisch eingespielt, sind sie nach einer weiteren Häutung mit „TFCF“ nun bei einer Art halb elektronischem Weird Folk angekommen. Lagerfeuergitarren fast wie von Neil Young, Synthezisersoul, windschiefe Countryfanfaren. Allerdings schrumpften die Liars inzwischen zu einem Einmannprojekt. Mit seinem Kompagnon Aaron Hemphill hatte sich Angus Andrews nach 15 Jahren Zusammenarbeit kaum noch etwas zu sagen, die Songs schrieb er ohnehin von Anfang an alleine. Deshalb gingen sie auseinander, als Band gibt es die Liars nur noch bei Tourneen.

„TFCF“ ist die Abkürzung für „Theme From Crying Fountain“, also ungefähr: „Melodie aus einem Brunnen der Tränen“. Es geht um die ganz großen Gefühle, die Stücke tragen Titel wie „The Grand Delusional“ oder „No Help Pamphlet“ und erzählen – bedingt wohl durch die Trennungsgeschichte – von Schmerz und Einsamkeit. Entstanden ist das Album in einem Studio nördlich von Sydney, das Andrew in einen unzugänglichen Nationalpark hineingebaut hat.

Der Rhythmus der Bäume

Es ist nur per Boot erreichbar, und dieses Eremitentum ist „TFCF“ durchaus anzuhören, nicht bloß, weil es darauf auch Field Recordings mit Vogelgesängen gibt. „Das Rauschen der Bäume, die Geräusche der Tiere, die Brandung des Meeres“ erschaffen einen Rhythmus, sagte Andrew in einem Interview, den er hörbar machen will. Das ist ihm mit seinem Waldeinsamkeitsalbum großartig gelungen. Christian Schröder

„TFCF“ von den Liars ist bei Mute erschienen.

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