Kultur : Neuwahlen in Israel: Joshua Sobol: "Sharon löscht mit Benzin"

Letzten Sommer haben Sie dazu aufgerufen[den lang]

Joshua Sobol, 61 Jahre alt, ist der prominenteste israelische Dramatiker und engagierter Friedensaktivist, der in Deutschland 1984 mit "Ghetto" unter Regie von Peter Zadek bekannt wurde. In seinen Theaterstücken "Die Palästinenserin" (1985) und "Das Jerusalem Syndrom" (1988) prangerte er die israelische Besatzung an und warnte davor, dass jüdische Extremisten den Nahen Osten in die Katastrophe führen. Wegen vehementer Proteste gegen das Stück musste er als Direktor des Stadttheaters Haifa 1988 zurücktreten. Er verließ damals für einige Monate das Land.



Letzten Sommer haben Sie dazu aufgerufen, den langen Atem für den Frieden nicht zu verlieren. Die meisten Israelis wollen aber offenbar Sharon wählen. Warum diese Resignation?

Damals konnte ich mir nicht vorstellen, dass die palästinensische Behörde eine bewaffnete Intifada startet und damit das Oslo-Abkommen verletzt. Sharons provokativer Besuch des Tempelbergs hätte friedliche Demonstrationen gerechtfertigt, aber keinen Aufruf zur Waffen-Gewalt. Es waren die Palästinenser, die einen kurzen Atem hatten.

Entscheidet also Arafat, wer der nächste israelische Ministerpräsident wird?

Im Moment sieht es so aus. Die Palästinenser lehnen den Dialog mit den linken Israelis offenbar ab. Sie wollen wohl lieber mit den Rechten verhandeln.

Reicht denn die Kompromissbereitschaft der Linken für ein Friedensabkommen mit den Palästinensern?

Die Linken prüfen erneut, ob das Oslo-Abkommen detailliert genug war und ob die Forderung formuliert wurde, dass die anti-israelische Propaganda in den palästinensischen Schulen aufhören muss. Es war ein Fehler, dass wir das nicht zur Bedingung gemacht haben. Die palästinensische Behörde hat sich ja daran gewöhnt, mit zwei Stimmen zu sprechen, mit einer internen und einer nach außen. Arafat konnte auf Englisch "Peace" sagen und auf Arabisch "Jihad" ausrufen. Diese Heuchelei hätten wir nicht dulden dürfen.

Vielleicht hat Israel den Palästinensern für einen Frieden nicht genug angeboten.

Ehud Barak ist da bis an die Grenze gegangen. Vor dem Camp-David-Gipfel waren rund 60 Prozent der Israelis bereit, einem Kompromiss über Jerusalem zuzustimmen. Heute sind es nur noch 20 bis 30 Prozent.

In Ihrem kontroversen Theaterstück "Jerusalem Syndrom" von 1988 haben sie prophezeit, dass die Extremisten um diese heilige Stadt einen Krieg anzetteln werden.

Die meisten Israelis wären bereit, die Souveränität über Jerusalem auf die Dauer zu teilen. Aber als die Palästinenser die volle Souveränität über den Tempelberg verlangten und eine israelische Souveränität über die Klagemauer nicht akzeptieren wollten, begannen die Palästinenser, fanatisch religiös zu argumentieren. Andererseits macht es mich wütend, dass es keine linken Palästinenser gibt, die aufstehen und sagen: Es ist ein Verbrechen, die palästinensiche Unabhängigkeit auf dem Altar der Souveränität über den Tempelberg zu opfern.

Sprechen Sie zurzeit mit Palästinensern?

Nicht zu Politikern, aber im Theater arbeite ich mit arabisch-israelischen Schauspielern eng zusammen. Wir sind gute Freunde, und wenn wir über Politik reden, sagen sie mir sehr vorsichtig, dass die palästinensische Behörde übertriebene Forderungen gestellt und unklug gehandelt hat.

Sind Ihre Freunde verbittert darüber, dass bei den Demonstrationen im Herbst 13 arabische Israelis erschossen wurden?

Es war eine absolute Dummheit, dass die Regierung den dafür verantwortlichen Polizeikommandanten Elik Ron nicht entlassen hat. Barak hat auf diese gravierende Tat sehr spät reagiert.

Kehrt nun der Unabhängigkeitskrieg von 1948 in anderer Form zurück? Manche ältere Israelis befürchten dies.

Dieser Vergleich ist übertrieben. Die heutige Lage ist mit jener der jüdischen Minderheit in Palästina vor der Staatsgründung nicht zu vergleichen. Andererseits erinnert das Verhalten der palästinensischen Milizen an das der arabischen Banden in den Jahren 1921, 1929, 1936 und 1948. Sie begreifen nicht, welche Assoziationen das bei uns weckt, wenn wir Bilder palästinensischer Polizisten sehen, die schießen oder Bomben legen.

Wie schätzen Sie Baraks Wahlchancen ein, falls er seine Kandidatur nicht zurückzieht?

Ich hoffe sehr, dass die Unentschlossenen am Ende nicht Sharon unterstützen. Sharon hat 18 Prozent Vorsprung, aber 15 Prozent der Wähler haben sich noch nicht entschieden. Ich nehme an, das sind linke und arabische Israelis. Sie wählen mit ihrer Stimme zwischen Krieg und Frieden. Sharon ist kein moderater Rechter, er ist rechtsextrem. Wenn er heute sagt, er sei bereit, den Palästinensern 42 Prozent des Westjordanlandes zu überlassen, das Gebiet, das sie jetzt schon kontrollieren, dann ist das kein Rezept für den Frieden: Dort kann kein lebensfähiger Staat entstehen. Also werden sie weiterhin Gewalt ausüben, und Sharon wird darauf nicht so zurückhaltend wie Barak reagieren, der sehr starke Nerven gezeigt hat, als er die Friedensverhandlungen trotz der Intifada fortsetzte. Zumal es sogar Linke gab, die sagten, dass Barak mit mehr Gewalt die neue Intifada schnell hätte eindämmen können.

Ganz nach dem Motto der Siedler "Lass die Armee siegen"?

Ja. Sharon wird so vorgehen. Es sei denn, die Palästinenser haben solche Angst vor ihm, dass sie die Gewalt eindämmen. So war es schon zu Netanjahus Zeiten. Paradoxerweise ließ der palästinensische Terror nach, als Netanjahu an die Macht kam. Nach jedem kleinen Gewaltakt stellte er die Verhandlungen ein; diese Reaktion wurde verstanden. Wenn die Palästinenser aber mit moderaten Politikern wie Beilin, Ben-Ami, Peres und Barak verhandelten, verhielten sie sich ganz anders. Dass Arafat in Camp David Baraks Angebot ablehnte, war ein schrecklicher historischer Fehler.

Viele Linke wollen nun aus Protest den Wahlen fernbleiben oder einen weißen Stimmzettel einwerfen.

Diese Leute glauben aufgrund der neuen Intifada nicht mehr an den Frieden. Sie wollen Sharon nicht wählen, aber sie möchten, dass er an die Macht kommt. Sie sagen zwar, dass sie gegen Barak protestieren, aber das stimmt nicht: Sie unterstützen Sharon, und das ist schlimm. Seit der Intifada sehen viele in ihm die richtige Antwort auf die palästinensischen Randalierer.

Ist die Lage so verrückt geworden, dass nur ein verrückter Politiker die Normalität wiederherstellen kann?

Die Lage ist nicht verrückt, sondern sehr gefährlich. Soll man denn, wenn jemand Autoreifen in Brand setzt, das Feuer mit Wasser oder mit Benzin löschen? Das ist das Sharon-Syndrom: Die Palästinenser haben das Feuer angefacht, also wählen wir einen, der sie mit Benzin übergießt!

Glauben Sie denn selbst noch an einen Frieden mit den Palästinensern?

Ich habe keine andere Wahl, als auf den Frieden zu hoffen. Vieles an Barak muss man kritisieren. Zum Beispiel ist er unfähig, die Zusammenarbeit seiner Berater zu fördern. Manchmal ist er taktlos, manchmal ist sein Timing falsch. Aber ich halte ihm zugute, dass er Tabuthemen auf dem Tisch bringt und ein Ende des Konflikts ernsthaft vorantrieb. Barak war bereit, 95 Prozent der besetzten Gebiete im Westjordanland zurückzugeben und Jerusalem zu teilen. Kein anderer ist so weit gegangen.

Wie erklären Sie die große Sympathie für Shimon Peres, der nach den Umfragen Kopf an Kopf mit Sharon liegt und den viele Israelis Barak vorziehen würden?

Peres hat 1985 den Rückzug der Armee aus großen Teilen des Libanons durchgesetzt. Er war ein guter Ministerpräsident, der etwa die rasende Inflation eingedämmt hat.

Als Dramatiker haben Sie in letzter Zeit weniger politische Themen behandelt, sondern sich mehr aufs Biographische verlegt, mit Arbeiten etwa über Alma Mahler und Falco.

Das stimmt nicht ganz. Im Nationaltheater Habima wird zurzeit mein Stück "Fremde" aufgeführt. Es beschäftigt sich mit den illegalen Fremdarbeitern in Israel, die Opfer von Ausbeutung, Rassismus und Verfolgung sind. Außerdem proben wir im Haifa-Theater gerade "Maskenball". Es geht um den Zerfall der israelischen Gesellschaft: Aus Angst vor einem Krieg verlassen alle Israelis ihre Städte und Dörfer; es kommt zu einem riesigen Verkehrsstau. Am Ende ernennen die im Stau sitzenden Israelis einen Mann ohne Eigenschaften zu ihrem Anführer. Einen Dummkopf, der sagt, was sie hören wollen.

Eine Art Netanjahu.

(lacht) Sharon bemüht sich im Wahlkampf darum, ein solcher Anführer zu werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar