New Order in Berlin : Blauer Mittwoch im Tempodrom

Die alten Helden von New Order haben sich auf ihrem neuen Album und beim grandiosen Konzert in Berlin nicht komplett neu erfunden. Warum sollten Sie auch?  

Markus Ehrenberg
Bernard Sumner, Frontmann von New Order
Bernard Sumner, Frontmann von New OrderFoto: dpa

Zunächst einmal die große Frage: So ein neues Album von New Order, so eine Tour von New Order, ist das noch unbedingt notwendig oder doch eher Pop-Geschichte, die ermüdet, routinierte Verwaltung eines Erbes aus 40 Jahren Bandgeschichte, inklusive meistverkaufte Maxi-Single aller Zeiten, inklusive „Blue Monday“ aus 1982? Oder beides?

Es ist Selbstvergewisserung auf jeden Fall für die Besucher im ausverkauften Tempodrom an einem trüben Mittwochabend in 2015. Und Nostalgie. Wer immer schon mal wissen wollte, wie das in der Generation Ü50 so aussieht, kommt hier voll auf seine Kosten. Das eine oder andere Bäuchlein unterm straff gespannten, dunklen T-Shirt (gerne auch mal mit Joy-Division-Logo drauf).

Ähnlich wie Frontmann Bernard Sumner vorne auf der Bühne, ganz in schwarz, fürs Publikum ein alter Bekannter, der, das schon mal vorweg, über, sage und schreibe, 120 Minuten sichtlich Spaß an seinen Darbietungen hat. Das war bei New-Order-Konzerten auch schon mal anders.

Der beste Live-Sänger war Sumner ja eh nie. Das tut bei den Stücken aus dem neuen Album „Music Complete“ auch weiter nicht weh, wie bei der Radio-Eins-tauglichen Single-Auskopplung "Restless". Im Grunde haben „New Order“ da weiter gemacht, wo sie nach dem letzten Album aufgehört haben, was ja auch schon wieder zehn Jahre her ist.

Sicher, der eine oder andere freut sich jetzt über die Wiederentdeckung der elektronischen Musik. Nach den rockiger ausgegangenen, gitarrenlastigen „„Waitin for The Sirens‘ Call“ (2005) und „Get Ready“ (2001) - an das an diesem Abend leider nur mit "Crystal" gedacht wurde -, kann es mit dem neuen, Ende September veröffentlichten Album, mit „Music Complete“, in jede Dorf-Diskothek gehen. Das muss kein Nachteil sein.

Der Mann wird im Januar 60

Auch nicht bei so einem Konzert in die Jahre gekommener New-Wave-Helden. Stroboskop-Gewitter, Glitzer-Kugel. House-Klaviere, Rave, Ibiza-Sound, sanfte Grooves, schroffe Elektro-Beats, Funk-Anleihen, sogar Kraftwerk-Reminiszenzen, aber auch schon noch viel grimmige Gitarre. Interessant: der melodieführende, stilbildende Bass-Lauf von Peter Hook, der New Order vor acht Jahren verlassen hat, wird weniger von Hooks Nachfolger Tom Chapman denn von Keyboarderin Gillian Gilbert übernommen, auch wenn das im Studio besser rüberkommt als beim sehr lauten Konzert im Tempodrom.

Phil Cunningham, der bereits auf „Get Ready“ dabei war, taucht ein als zweiter Gitarrist. Über allem natürlich: die melancholisch-lässige, leicht distanziert wirkende Stimme von Bernard Sumner, dem der eine oder andere Aussetzer bei Konzerten nicht mehr auszutreiben ist. Der Mann wird im Januar 60.

 Und bringt, zur großen Freude des Publikums, neben drei, vier zum Teil gewöhnungsbedürftigen Dancefloor-Stücken (wird beim mehrmaligen Hören immer besser!) aus dem neuen Album all die Klassiker aus dem Meisterwerk "Power, Corruption and Lies": "Age of Consent", "Your Silent Face" oder "586", eines der geheimen Lieblingsstücke der Band. Natürlich auch Common-Sense-Hits wie "Blue Monday" oder "True Faith". I feel so extraordinary / Something's got a hold on me / I get this feeling I'm in motion / A sudden sense of liberty / I don't care 'cause I'm not there / And I don't care if I'm here tomorrow / Again and again I've taken too much / Of the things that cost you too much."

Von wegen Verzweiflung und Qual

Das ist New Order, das hat immer auch noch etwas von Jungensband, das klingt schön, das klingt gefällig. Gefällig?  Wenn das Ian Curtis wüsste. 1980 traten New Order die Nachfolge von Joy Division an, nachdem sich der Frontmann Ian Curtis, Ikone und depressiv-ruppiger Poet der Punk-Bewegung, das Leben nahm.

Alles Neue aus dieser Ecke hat da etwas zwanghaft Ereignishaftes, Erklärungsbedürftiges, ob das nun singuläre Meisterwerke sind wie „Blue Monday“, „World in Motion“, Fußball-Englands Team-Hit zur WM 1990 oder die überkünstlich wirkende Acid-House-Elektro-Scheibe „Technique“ 1989, bei der sich Ian Curtis möglicherweise dann doch im Grab umgedreht hätte.

Von wegen Verzweiflung und Qual. Von wegen nordenglische Traurigkeit. Nicht bei New Order. Sumner & Co. sind über die Jahrzehnte recht elegant mit Banderbe – und Geschichte sowie diversen Nebenprojekten und Umbesetzungen umgegangen, ohne dass die Frage der Identität peinlich wurde. Aus der Kälte des Post Punk haben sie es heraus geschafft, warum nicht auch in die Hitze der elektronischen Tanzmusik. Der schrille Konzert-Opener "Singularity" war/ist die perfekte Symbiose von alt (Joy Division) und neu ("Music Complete"), das mal allen New-Order-Nörglern entgegen. Rainald Goetz hat nicht recht, wenn er meint, dass das Altern der Kunst und dem Handwerk nicht unbedingt zuträglich sei.

Ein packendes, ein vitales Konzert, die Luft im Tempodrom war nach zwei Stunden zum Schneiden, das Ü50-Ohr brauchte dringend eine Ruhepause. Und der Durchschnitts-Besucher wusste, dass früher doch nicht alles besser war, New Order noch gut genug sind, um alle paar Jahre so ein Album zu machen und auf Tour zu Besuch zu kommen.

„We are not Joy Division“, hat Bernard Sumners schon öfters auf Konzerten gesagt. An diesem Abend tat er das nicht. Und spielte kurz vor elf als Zugabe den Klassiker - „Love Will Tear Us Apart“. Hinter New Order auf der Bühne ein überlebensgroßes Foto von Ian Curtis und die Schrift. Joy Division forever.

 



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