Kultur : New York, 57. Straße

Endlich: Venedig beleuchtet Peggy Guggenheims Rolle als Sammlerin und Galeristin

Bernhard Schulz

Peggy Guggenheim ist als Skandalnudel in die Klatschgeschichte eingegangen. Ih bewegtes Privatleben hat ihre Rolle in der Kunst stets überschattet. Es ist an der Zeit, zu den Stories über ihre Männerbeziehungen Abstand zu gewinnen und vielmehr ihre Leistungen als Sammlerin und Galeristin zu würdigen. Die von ihr gestiftete Peggy Guggenheim Collection in Venedig arbeitet seit längerem daran. Nun ist dort eine Ausstellung zu einem der wichtigsten Teilaspekte ihrer Mittlertätigkeit zu sehen: zu ihrer – eher berühmten als wirklich bekannten – New Yorker Galerie „Art of This Century“. Auch die soeben erschienene begleitende Monografie, ein gewichtiges Buch, wird das Bild der Peggy Guggenheim nachhaltig verändern.

Guggenheims Galerie ist vor allem optisch in Erinnerung: in Fotografien der eigentümlichen, surrealistischen Ausstattung durch den emigrierten österreichischen Architekten und Gestalter Frederick (Friedrich) Kiesler. Ihn hatte Peggy Guggenheim Ende 1941 kennen gelernt. Ein wenig von dieser damals sensationell andersartigen Atmosphäre ist jetzt auch in Venedig zu spüren, wo die Dokumente aus dem Archiv des höchst korrekten Kiesler in einfallsreichen Schüben und Vitrinen präsentiert werden.

Das 400-Seiten-Buch „Peggy Guggenheim & Frederick Kiesler. The Story of Art of This Century“ stellt den Zusammenhang her, innerhalb dessen sie zu einer Geburtshelferin der amerikanischen Nachkriegskunst wurde. Dass sie außer Max Ernst – ihrem zeitweiligen Lebenspartner – europäische Größen wie André Breton, Marcel Duchamp oder Fernand Léger um sich scharte, wusste man seit jeher, vielfach in einschlägigen Gruppenportraits festgehalten. Auch ihre integrale Rolle für die Laufbahn Jackson Pollocks ist bekannt. Nicht so jedoch die Umstände, die dazu führten, dass ihr der damals unbekannte Provinzler 1943 ein riesiges Wandbild für ihr Apartment malen durfte, das sich als Wendepunkt seiner künstlerischen Entwicklung erweisen sollte. Vor allem aber: Wie ihre Galerie eigentlich aussah und funktionierte, das enthüllt erst die jetzige Forschungsarbeit.

„Art of This Century“ war eine Mischung aus Verkaufsgalerie und Museum. Immerhin baute Peggy Guggenheim rastlos an einer namhaften Sammlung; vom 1942 privat publizierten Katalog übernahm sie den Titel „Art of This Century“. Er war Programm – und wurde Signal. Nur viereinhalb Jahre lang, von November 1942 bis April 1947, existierte die Galerie, untergebracht in zwei benachbarten Lofts im sechsten Obergeschoss eines Allerweltsgebäudes an der 57. Straße. Doch in diesen Jahren verpflanzte Peggy Guggenheim den französischen Surrealismus in die Neue Welt und half, eine neue, abstrakte amerikanische Kunst zu begründen, die als New York School die Nachkriegszeit dominieren sollte.

Kieslers Gestaltung mit gebogenen Holzwänden, frei im Raum schwebenden Objekten und Gemälden sowie organisch geformten Sitzmöbeln bot den kongenialen Rahmen. Vor allem aber macht die – erstmals vollständig dokumentierte – Reihe der Ausstellungen Staunen: Nach den etablierten Europäern hatten Amerikaner wie Hofmann, Motherwell, Rothko und natürlich Pollock viel beachtete Auftritte. Und Peggy sammelte selbst, was sie ausstellte; ihre damalige, von ihr durch beständige Ver- und Zukäufe wiederholt veränderte Sammlung wurde zum Grundstock ihres Museums in Venedig.

Was dort als nunmehr klassisch gewordene Moderne alljährlich Hunderttausende anzieht, war in den Vierzigerjahren heftig umstritten. Die Ausstellung in Venedig und mehr noch das Begleitbuch lassen nun erstmals die Entstehung von Kunst und Sammlung lebendig werden. Es war ein Abenteuer – auch ohne Berücksichtigung der Liebesaffairen.

Venedig, Peggy Guggenheim Collection, bis 9. Januar. Der Katalog (398 S.) kostet auch im deutschen Buchhandel 49,80 €.

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