Kultur : New York, die Schiffe und die Hochhäuser

BERNHARD SCHULZ

Die Altmeister der dokumentarischen Fotografie feiern in Retrospektiven wahre Triumphe, Robert Doisneau zum Beispiel oder Henri Cartier-Bresson.Im vergangenen Jahr war es Andreas Feininger, von dem eine von ihm selbst zusammengestellte Auswahl aus dem Lebenswerk auf Torunee ging, unter anderem nach Berlin.Fotografiert hatte Feininger da schon seit gut einem Jahrzehnt nicht mehr.Am vergangenen Donnerstag - wie erst gestern bekannt wurde - ist er im Alter von 92 Jahren in New York gestorben.

Als (ältester) Sohn des Malers Lyonel Feininger schien es der 1906 in Paris geborene Andreas schwer zu haben.Doch die biographische Hürde, die sich ihm vor dem Künstlerberuf auftürmte, nahm er mit Bravour.Im Alter von 16 Jahren lernte er Kunsttischler und wechselte dann ans Bauhaus, an dem sein Vater lehrte, um dort mit 22 als Architekt abzuschließen.Eine geradlinige Berufslaufbahn indessen folgte nicht.Zwar arbeitete Feininger als Assistent Le Corbusiers in Paris, doch die Architektur - und die Handlangerrolle im Büro des Meisters - befriedigte ihn nicht; die Fotokamera, die ihn seit Bauhaus-Zeiten begleitet hatte, wurde zum neuen und alleinigen Arbeitsfeld.Als dann die Schwierigkeiten mit den Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigungen gleich wo in Europa zunahmen, ging Feininger als amerikanischer Staatsbürger 1939 endgültig in die USA, in seine wahre Heimatstadt New York zurück.

Mit den Aufnahmen aus New York ist Andreas Feininger berühmt geworden.Sie spiegeln eine Stadt, die hierzulande nicht bekannt war.Die vierziger Jahre, in denen viele der zu Ikonen geronnenen Bilder der einfahrenden Ozeandampfer, der (damals noch) schlanken Hochhäuser des financial district und der mächtigen Pfeiler der Brooklyn Bridge entstehen, sind in Europa vom Krieg verstellt.Von 1941 bis 1961 arbeitete Feininger für das Magazin "Life", das mehr als eine Generation lang das Selbstbild der USA prägte.Die unglaublich tiefenscharfen Bilder feiern auf scheinbar völlig sachliche Art die Errungenschaften der Ingenieure und Architekten.Menschen sind nur das Ornament.Zur Schilderung des Individuums und seines Alltags, wie es die Franzosen beherrschten, und gar zum Portrait besaß Feininger keine Neigung.Weniger bekannt ist seine wissenschaftliche Neugier.Im Bildband "Die Sprache der Natur" schildert er detailgenau die verborgene Ästhetik der Natur.

Im vergangenen Juni verlieh die Deutsche Gesellschaft für Photographie dem Fotografen ihren Kulturpreis - ein Blick zurück auf die Zeit, als allein die Wahl des Motivs und das Können des Fotografen über die Qualität einer Aufnahme entschieden.Zu diesen "Bildberichtern" zählte Andreas Feininger.

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