Kultur : New York: geisterfahrer

Die Autorin ist seit Anfang September zu einem Arb

gespenster haben sich diese tage immer wieder gezeigt. die mit ständiger vorfahrt und die etwas gemächlicheren. letztere in zügen, z.b. im new yorker a-train: die blondierte dame neben mir erklärt ihrem sitznachbarn ganz ruhig die magie der augenblicklichen lage. nämlich, dass alles "eleven" sei. george w. bush sei "eleven", osama bin laden sei "eleven", und afghanistan sei sowieso "eleven" - "there are a lot of spiritual numbers around us", sagt sie, "at the moment." aha. das geht also vorüber. es muss demnach einen zeitrahmen geben, ein ablaufdatum für diese aufladung mit magie, irgendwann werden sich die zahlen wieder ernüchtern und einfach nur nummern sein.

irgendwann wird diese art der paranoia wieder zu einem normalen average-american-gespenst werden, das anderen großzügig vorfahrt gewährt. doch manche gespenster nehmen sich ja immer vorfahrt heraus. eines davon muss jedenfalls durchzug durch herrn rumsfeld gehalten haben, als er auf einer pressekonferenz churchill zitierte: in kriegszeiten sei wahrheit so wertvoll, dass sie immer begleitet werden sollte von einem "bodyguard of lies". ja, es muss sich um ein derartig voreiliges gespenst gehandelt haben, denn herr rumsfeld bat laut "new york times" die journalisten darum, dies nicht zu zitieren. dass er es live auf cnn gesagt hat, scheint ihn dabei allerdings nicht zu stören. es ist heute eben nicht einfach mit der öffentlichkeit.

"watch what you say" sei der neue slogan im weißen haus, so die "new york times", und "classified information" ist die dazugehörige topvokabel. ein flüsterton stellt sich ein und transportiert andeutungen, ungefähre angaben, vorsichtige einschätzungen, ausreden, leugnungen, und heftiges abwehren der journalisten. und übrigens, so der sprecher des weißen hauses, herr fleischer, das problem seien nicht die aussagen der officials, sondern die fragen der journalisten. aha. die amerikanische bevölkerung jedenfalls sei in kriegszeiten zu einer weitgehenden einschränkung der information bereit, sie ziehe es vor, die fragen, die man dem weißen haus im augenblick stelle, nicht gestellt zu bekommen, sagt also herr fleischer und verwendet hier wirklich das bartlebysche "prefer not to". nun, bartleby aber ist äußerst individuell, zudem new yorker und aus downtown nicht leicht wegzukriegen, ein schreiber, der seinen beruf nicht ausüben will und lieber schweigt.

auch wenn diese haltung in deutschland autoren jetzt wieder einmal empfohlen wird, und man am telefon ganze schweigegespräche zu führen beginnt, so ist es doch nicht einfach, in dieses bartlebysche hineinzukommen und vielleicht auch nicht wirklich sinnvoll. doch wir sind ja immer noch im zug, und zwar im a-train und nicht in pynchons l-train aus "v.", obwohl die menschen auch hier endlos hin- und herzupendeln scheinen. meine sitznachbarin kennt jedenfalls keine hast, gelassen fabriziert sie weiter ihre symmetrien, versucht es jetzt mit der figur des kreuzes, die sie überall zu entdecken glaubt. immerhin entkommt sie so der good-and-evil-rhetorik, die in new york ohnehin von anfang an schlecht greifen konnte. doch anscheinend weiß man sich auch hier in zeiten der neuen kooperation von medien und militär nicht anders zu helfen als mit der konstruktion magischer bedeutungssysteme. ja, die bleiben übrig in der u-bahn. und johnson.

nun, sich im cnn-universum den suhrkampziegel auf den schoß zu knallen, die guten johnson-kilos, mögen manche ebenfalls für ausdruck magischen denkens halten. ich nicht. immerhin findet man darin vorschläge, wie man der "tante times" begegnen kann. und man kann über gesine cresspahls tochter lesen: "ihr fehlt zum krieg, dass sie ihn sieht." und darüber eine weile nachdenken, bis man wieder raus auf die straße kommt und mit einer menge sichtbarkeit auf den bildschirmen konfrontiert wird: militärvideos, life-schaltungen, nächte in kabul. nicht gerade gespenster auf durchfahrt. eher deren nachkommen.

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