Kultur : New York, hast du es besser?

ULRICH AMLING

New York ist in puncto Kulturfinanzierung zum Leitstern deutscher Politiker avanciert.Auch die "Hauptstadt Kulturkonferenz" der Konrad-Adenauer-Stiftung suchte den direkten Vergleich zwischen Berlin und der US-Metropole.Mit James Abruzzo hatte sie den Vizepräsidenten der weltweit operierenden Beraterfirma Atkearney zum Referat geladen.Er unterstrich zunächst die Notwendigkeit, für deutsche Kultureinrichtungen neue Marketing-Strategien einzuführen: 62 Prozent aller nationalen und 72 Prozent aller lokalen Organisationen hätten Einschnitte in ihren Budgets zu verkraften.Grund dafür ist die Absenkung der staatlichen Zuwendungen.Sie machen durchschnittlich 78 Prozent des Gesamtbudgets aus, eine Relation, die zu einer großen "Verletzlichkeit gegenüber Einschnitten führt".Abruzzo warnte vor einer exklusiven Bindung zwischen Staat und Kultureinrichtungen - aus eigener Erfahrung: In New York sank der Anteil staatlicher Förderungen von 31 Prozent (1982) auf 10 Prozent (1996) ab.Ein Vorzeige-Haus wie die Metropolitan Opera bestreitet inzwischen nur 0,6 Prozent ihres 293-Millionen-Mark-Etats aus staatlichen Quellen.Durch rigorose Vermarktung des Markenprodukts "Met" erwirtschaftet das Opernhaus 57 Prozent des Budgets an der Kasse, gut 42 Prozent stammen aus privater Hand.Dies gelinge nur mit einem Finanzierungsmodell, das alle an der Institution Interessierten einbindet: Sponsoren, Stiftungen, Besucher, Förderer, Vorstand und Staat.Ihr Zusammenwirken soll eine gegenseitige Kontrolle gewährleisten und die Abhängigkeit von einzelnen Einflußgruppen verringern.

Abruzzo empfahl eine stärkere Preispolitik: Die besten Karten sollten erheblich teurer werden, die schlechtesten billiger."Wenn eine Vorstellung ausverkauft ist, dann kann ich mit den Preisen auch höher greifen." Er forderte einen besseren Kundendienst für die Förderer von Kultureinrichtungen und ein aggressives Marketing, einen selbstbewußteren Umgang mit Sponsoren.Während in New York 15 Prozent des Budgets für Marketing und Fundraising aufgewendet werden, schlägt dieser Posten in Berlin mit weniger als einem Prozent zu Buche.Steuererleichterungen spielten für die Spendenbereitschaft in den USA zwar eine Rolle, wichtiger sei jedoch die emotionale Bindung an die Institution, so der Kultur-Berater.

Abruzzo mußte sich etliche Widerworte auf seine New York-Lösungen für Berlin gefallen lassen.So wurde im Publikum die Verarmung der amerikanischen Kulturszene beklagt, die Fixierung auf massenverträglichen Geschmack, der fehlende breite kulturelle Nährboden.Auch Kultursenator Peter Radunski meldete Bedenken an: "Kultureinrichtungen sollen nicht nur markt-, sondern auch angebotsorientiert planen." Einsame Leuchttürme in karger Umgebung ergeben eben noch keine intakte Kulturlandschaft.

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