Kultur : Newton statt Nofretete

BERNHARD SCHULZ

Erstmals tagt am heutigen Donnerstag der Stiftungsrat der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gänzlich in neuer Besetzung.Der Bundeskulturbeauftragte Michael Naumann, dessen angestrebter Ministerrang inzwischen auf den Gesetzgebungsweg gebracht worden ist, sitzt vor, Berlins Kultursenator Radunski wirkt als einer der Stellvertreter.Der am 23.November gewählte Präsident der Stiftung, Klaus-Dieter Lehmann, hat sein Amt offiziell noch nicht angetreten, wirbelt aber bereits in beeindruckender Weise.

Überraschendes wird der Stiftungsrat zunächst nicht beschließen.Das Vorhaben, die in Aussicht gestellte Dauerleihgabe der Aufnahmen des gebürtigen Berliner Starfotografen Helmut Newton zu nutzen, um die reichen, doch auf mehrere Häuser verstreuten Fotografie-Bestände der Staatlichen Museen an einem Ort zu bündeln, ist bereits weidlich diskutiert worden.Als Standort ist der östliche Stülerbau gegenüber dem Pendant mit der Sammlung Berggruen ausersehen.Dafür müßte das Ägyptische Museum weichen - vorfristig, denn auf die Museumsinsel sollen Nofretete und ihre Zeitgenossen ohnehin zurückkehren.Mit einem geschätzten Kostenrahmen von 30 Millionen Mark wird das "Zentrum für Fotografie" zu einem ersten Prüfstein für den erklärten Willen Naumanns und der Regierung Schröder, sich für die Preußen-Stiftung stärker und unbürokratischer zu engagieren, als dies in der Vergangenheit der Fall war.

Die zweite erwartete Entscheidung wird der Stiftungsrat nicht fällen.Die Nachfolge Peter-Klaus Schusters als Direktor der Nationalgalerie - mit ihren drei "Abteilungen" fürs 19.und 20.Jahrhundert sowie für die Gegenwart, räumlich geteilt auf Alte Nationalgalerie auf der Insel, Neue Nationalgalerie an der Potsdamer Brücke sowie Hamburger Bahnhof an der Invalidenstraße - wird heute noch nicht bestimmt werden.Die als Kandidaten gehandelten Klaus Albrecht Schröder aus Wien und Richard Calvocoressi aus Edinburgh werden wohl kaum zum Zuge kommen.Nachdem sich bisherige Verhandlungen mit renommierten Museumsleitern vordergründig an der Frage des (in Berlin beschämend niedrigen) Gehalts, im Grunde aber an der des künftigen Generaldirektors der Staatlichen Museen - der Amtsinhaber, Wolf-Dieter Dube, geht Ende Juni 1999 in Ruhestand - festgefahren hatten, sorgten Lehmanns Worte für Klärung.Der neue Präsident will das Amt des Generaldirektors - wie er bereits intern den Museumsdirektoren dargelegt hat - abschaffen.Als Denkmodell wird jetzt eine Verbindung der beiden bisherigen Stellen von "General" und Nationalgalerie-Chef erwogen, um die Klippen der Stellenbewertung umschiffen zu können.Naumann und Radunski haben sich darauf verständigt, im Januar gezielt nach Kandidaten zu suchen.Bei einem Besuch in London will Naumann Gespräche mit dem seit langem genannten Chef der National Gallery, Neil MacGregor, sowie dem Ausstellungsleiter der Royal Academy, dem in Berlin bestens bekannten Norman Rosenthal, führen.

Einigkeit besteht ferner darüber, die Bauzeiten auf der Museumsinsel drastisch zu verkürzen.Dazu könnte auf das früher bereits gehandhabte Modell zurückgegriffen werden, einzelne Bauvorhaben nicht von der Bundesbaudirektion, sondern von der Berliner Bauverwaltung betreuen zu lassen.Das aber ist noch nicht Thema des Stiftungsrates.Und auch die Grundzüge seiner umfassenden Verwaltungsreform der Stiftung wird Lehmann dem Stiftungsrat heute noch nicht erläutern.Der künftige Präsident nimmt nämlich heute letztmals als Vorsitzender des Beirats sowie der Bibliothekskommission teil, und in letztgenannter Eigenschaft wird er über die Zukunft der Staatsbibliothek referieren - auch das ein Millionenvorhaben mit noch kaum zu überblickendem Ausgang.

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