Nibelungen : Ach, wären sie doch durchgebrannt miteinander!

Die Nibelungen in Worms: Wie Dieter Wedel Moritz Rinkes amüsantes Doppel überarbeitet, nicht immer zu dessen Vorteil.

Theo Schneider
Nibelungen
Probe zu "Siegfrieds Frauen". Robert Dölle (r.) in der Rolle des Siegfried und Uwe Bohm (l.) als Hagen. -Foto: dpa

Der Himmel versuchte noch, den Mord zu verhindern. Als die Burgunder Siegfrieds Tod planten, fielen zum Start der Nibelungenfestspiele am Freitag in Worms die ersten Tropfen. Doch der Regen zog weiter. Und so blieben viele Prominente, von Mutter Beimer über Hark Bohm bis zu Otto Sander, ebenso trocken wie Kurt Beck, der sich vom Hauen und Stechen in der SPD beim Hauen und Stechen in Burgund entspannte. Und das Verhängnis nahm seinen Lauf. Nicht nur das mit Clement und Ypsilanti. Auch das mit Hagen und Siegfried.

In diesem Jahr präsentieren die Festspiele vor dem Wormser Dom einen Doppelpack: Alternierend werden die Stücke von 2006 und 2007 gespielt, allerdings kräftig überarbeitet. Wobei das Nibelungenlied – analog zu Kriemhilds wütender Klage über Siegfrieds deflorationstechnische Aushilfstätigkeit bei Brünhild unter der Tarnkappe – selber tönen könnte: „Da durfte jeder mal ran!“

Tatsächlich sind die aktuellen Textbücher zwei Bastarde mit vielen Vätern: Der eine der Unbekannte der 800 Jahre alten Sage, der andere der Berliner Dramatiker Moritz Rinke. Mit dessen Neufassung, die mit postmoderner Verspieltheit, flapsiger Ironie und aktuellen Anspielungen Publikum und Kritik gleichermaßen begeisterte und den Stoff mit einem Schlag von seinem nationalistischen und nazistischen Ballast und Schwulst befreite, hatten 2002 die Festspiele begonnen. Diese Neufassung hatte Rinke dann umgeschrieben, erweitert und auf zwei Stücke verteilt: „Siegfrieds Frauen“ und „Die letzten Tage von Burgund“. Diese Stücke haben Dieter Wedel und sein Assistent Joern Hinkel kräftig überarbeitet, wobei sie neben eigenen Zutaten zitatenschatzplündernd durch die Literatur des 19. Jahrhunderts gezogen und vor allem bei Hebbels Nibelungendrama und Gedichten fündig geworden sind.

Neu diesmal: eine Erzählerfigur. Walter Plathe greift als Sänger Volker von Alzey immer wieder in das Geschehen ein, begleitet es mit Kommentaren, Mahnungen und Vorhersagen wie ein antiker Chor, zaubert wie ein Puppenspieler Figuren hervor und schickt sie weg, ermuntert zur distanzierenden Reflexion wie eine Figur bei Brecht.

Ein Hauch von epischem Theater umweht diese Nibelungen, mit verschlankter Handlung abseits barocker Bilderfülle, mit üppigen Requisiten und hundertköpfiger Komparserie. Vorangetrieben wird sie flott, vielleicht zu flott. Besonders der Anfang des ersten Abends wirkt unkonzentriert, verstolpert und für Nibelungen-Neulinge verwirrend. Viele Anspielungen auf Gebräuche und Gebrechen der wiedervereinigten Republik, die Moritz Rinkes Urfassung so witzig machten, sind bei der Überarbeitung leider auf der Strecke geblieben.

Andererseits ist der von Disco-Nebel umwaberte Ethno-Edelkitsch mit Amazonen-Emanzen auf Island einem fast schon straßentheaterhaften Minimalismus gewichen. Bühnenbild und Requisiten sind karg: ein Pferd aus Eis, ein Baum mit Schaukel, Tische, Stühle und ein paar Waffen. Auch die Filmeinspielungen wurden stark eingeschränkt. Wo früher vor der Südseite des Doms Sommernachtsträume mit gelegentlichen Blutstürzen serviert wurden, wird nun vor den Steilwänden aus Stein und Stahl an der Nordseite geradezu ein Kammerspiel zelebriert. Das Spiel um Geld und Macht. Und die Gewalt gegen Frauen, ihre Unterwerfung mit Tarnkappen und nackter Gewalt, mit Vergewaltigung und bloß besitzgeilem Begehren.

Immer wieder lässt die Neuinszenierung von „Siegfrieds Frauen“ Alternativen aufscheinen. Ein Kuss zwischen Hagen und Kriemhild liefert neue mögliche Motive für den Mord; ein verspätetes Liebesgeflüster zwischen Siegfried und Brünhild eröffnet den Weg für eine radikale Wende. Ach, würden sie doch miteinander durchbrennen! Aber dann gäbe es ja kein Nibelungenlied und keine Festspiele. Statt von Etzels Hunnen niedergemetzelt zu werden, würden die Burgunder noch heute glücklich in Worms leben, und wenn ihnen der Sinn nach Waffengängen stünde, könnten sie immer noch in eine Partei eintreten.

Das zweite Stück am Sonnabend, „Die letzten Tage von Burgund“, zeigt zunächst eine Herrscherfamilie in Auflösung und Aufruhr. Ein Land, in dem es zugeht, als hätten sich der Papst, Berlusconi und die Mafia die Macht geteilt: Beten und Lügen und Morden. Eine lange Nacht aus Gewalt, Betrug und Intrigen, ein Albtraum, in dem jeder jedem misstraut und alle unglücklich sind und auf Rache sinnen. Kriemhild kann ihm durch die Heirat mit dem Hunnenkönig Etzel entfliehen – Dieter Laser gibt ihn mit weltmännischer Grandezza als „Boss der Bosse“. Ebenso wie der Siegfried von Robert Dölle, wie Roland Renner, André Eisermann, Ilja Richter und andere stand er auch schon im Vorjahr auf der Bühne. Wer keinen Vergleich hat, wird mit den Leistungen von Annett Renneberg als Kriemhild und Meret Becker als Brünhild ebenso zufrieden sein wie mit dem Hagen von Uwe Bohm. Doch wer zuvor Maria Schrader, Wibke Puls und Wolfgang Pregler in diesen Rollen sah, wird sich ihrer wehmütig erinnern.

Immerhin, die Bilder des zweiten Abends sind konzentrierter gebaut als am ersten Abend. Fast ausschließlich mit Licht (und etwas fragwürdigen Raumteilern) fokussiert Wedel das Geschehen auf die Schauspieler und den Text in engen Spielräumen. Hatte Karin Beiers Wormser Inszenierung von 2004/05 den Niedergang der Burgunder noch als eine unaufhaltsam in den Abgrund stampfende Maschine aus dumpfer Macht und Gewalt inszeniert, wirkt Wedels Regie des Untergangs diesmal wie ein mit unerbittlicher Logik ablaufender Verwaltungsakt. Und bei sowas sind die Deutschen bekanntlich Meister.

Lakonisch karg und rasch kommt der Schluss. Kein Schlachtengemälde in Hollywood-Format, sondern sachlich knappes, schnelles Morden: Kurzes Ende eines langen Schreckens. Der Jahrgang 2008 bei den den Wormser Festspielen: nicht schlecht also. Wobei der zweite Abend klarer, kompakter und einheitlicher wirkt. Was wohl nicht zuletzt seinen Grund darin hat, dass hier deutlich weniger am Text verändert und hinzugefügt wurde als beim ersten.

Vielleicht verhält es sich bei den Nibelungenstücken wie mit dem Wein: Cuvées sind oft ganz gut. Aber Rinke pur und Hebbel pur waren besser. Unverschnitten schmeckt der Spätburgunder einfach besser!

0 Kommentare

Neuester Kommentar