Kultur : Nibelungen in der Managerwelt

HORST KOEGLER

Noch vor dem tiefen Es der Kontrabässe, während der Vorhang langsam in die Höhe gleitet, starrt uns fast das gesamte auf der Bühne versammelte Ensemble aus leeren Augen, wie Wachsfiguren aus dem Kabinett der Madame Tussaud, an.Ist es unsere Sache, die hier verhandelt wird? Aber wo befinden wir uns überhaupt in dieser "Rheingold"-Inszenierung als Auftakt zur "Ring des Nibelungen"-Neuproduktion der Stuttgarter Staatsoper? Auf dem Grunde des Rheins? Nicht doch in einer Kuranstalt der Mineralbäder- und Thermalquellenstadt Stuttgart am Neckar? Oder sollte eher Baden-Baden an der Oos gemeint sein? Das Bühnenbild und die Kostüme von Jens Kilian suggerieren eine Trinkhalle, mit riesigem sprudelnden Brunnen in der Mitte, seitwärts angebrachtem Abfüllhahn und bequemer Sitznische; im ersten Stock, zu erreichen über einen Fahrstuhl, eine Galerie mit Ruhelagern.Die Gesellschaft, die hier versammelt ist, sind Businessmanager in grauen Anzügen, die Frauen in Cocktailkleidern und Hosenanzügen, mit der Dauerwellenfrisur der zwanziger Jahre.Die sich nach und nach aus der Erstarrung lösenden Rheintöchter sind eifrig mit dem Putzen ihrer goldenen Becher und Gerätschaften beschäftigt.

Kälte breitet sich aus, trotz der warmen Orchesterwogen, die Stuttgarts GMD Lothar Zagrosek mit dem Staatsorchester aufschäumen läßt.Rabenschwarze Skepsis teilt sich mit: dem Werk gegenüber und seinem kosmologischen Gesamtkunstwerkanspruch, dem die Intendanz gründlich mißtraut, so daß sie die Produktion an vier verschiedene Regisseure und Bühnenbildner vergeben hat.In diesem Staffetten-Marathon fungiert Joachim Schlömer, der Basler Tanztheaterchef, als Auftaktmann, und er inszeniert ein grandioses Kammerspiel über den Verrat der Liebe an die Macht.Kein Tanztheaterstück, das die Sänger zu Figuranten einer Choreographie herabwürdigt, sondern eine Oper, die er mit den Mitteln des Bewegungstheaters realisiert.Während sich das Tanztheater bisher sein Vokabular aus allen möglichen Sparten zusammenborgt - wobei der Tanz oft an letzter Stelle firmiert -, materialisiert sich hier ein Musiktheater, das die musikalischen Abläufe aus den Körpern der Sängerdarsteller Gestalt annehmen läßt.Immer wieder haben Choreographen Opern inszeniert - Balanchine, Wigman, Bausch, Gilmore, Neumeier -, aber nie zuvor ist es einem wie jetzt Schlömer gelungen, Sänger so individuell aus ihrer Körperhaltung und ihrem Bewegungsduktus zu profilieren.

Zu der generellen Skepsis gesellt sich in der zweiten Vorstellung noch eine subtile Portion Ironie.Da der Darsteller des omnipotenten Wotan - Wolfgang Probst, schon der Wotan der Ponnelleschen Stuttgarter "Ring"-Inszenierung vor zwanzig Jahren - indisponiert ist, singt Monte Pederson, am rechten Bühnenrand postiert, die Partie (und er singt sie mit aller ihr gebührenden baßbaritonalen Wucht), während Probst auf der Bühne den Göttervater mimt - stumm, als hätten ihm seine großmäuligen Verlautbarungen die Sprache verschlagen.Wer den Mund zu voll nimmt ...Schlömer inszeniert die Frustrationen einer Welt, der die Liebe abhanden gekommen ist.Alles grabscht nach der Liebe - und nie haben die drei Rheintöchter ein abgefeimteres Liebesspiel mit dem bedauernswerten Alberich betrieben (Esa Ruuttunen, ein Opfer seines Triebs, aufgeknüpft an seinen Hosenträgern, wenn ihm das letzte seiner Besitztümer geraubt wird).Auch Wotan und Fricka (die sich nicht mit ihrem Schicksal abfindende, eindrucksvolle Michaela Schuster) versuchen es wider alle Erfahrung noch einmal miteinander, und Freia (Helga Ros Indridadottir) trauert an der Leiche von Fasolt (Roland Bracht, chancenlos gegen seinen stimmpotenteren Bruder Fafner, den Phillip Ens mit der verschlagenen Wucht eines Smarty gibt) als dem Mann, der sie vielleicht aus ihrer goldenen Gefangenschaft hätte befreien können.Wirklich frei sind in dieser lieblosen Business- und Managerwelt mit ihren hehren Ambitionen und unterfinanzierten Luxusbauten - Stuttgart-Baden-Badener Assoziationen sind kaum zu vermeiden - nur Loge (Robert Künzli als Generalbevollmächtigter der Walhall GmbH - ein dialektisch abgefeimter Mafioso) und die mühselig auf ihre Krücken gestützte Erda (Tichina Vaughn).Erstaunlich der hohe sängerische Ensemblestandard der zum Teil noch sehr jungen Sänger: Bernhard Schneider (Froh), Eberhard Francesco Lorenz (Mime) - neben so bewährten Mitgliedern wie Motti Kaston (Donner), Catriona Smith und Helene Schneiderman - zusammen mit Maria Theresa Ulrich (Rheintöchter).

Sie wirken ausnahmslos wie befreit als Protagonisten eines Musiktheaters, welches das Singen als vokale Manifestation des körperlichen Ausdrucks begreift.Dabei soll nicht verschwiegen werden, daß manche der Schlömerschen Mittel mehr Rätsel aufgeben, als daß sie die Handlung plausibel erscheinen lassen - wie etwa der als Tarnhelm fungierende Spiegel oder die Verwandlung Alberichs in einen Wurm als blutiger Fresser eines Kaninchens.Auch der finale Abgang der ganzen Gesellschaft in die Katakomben - um später an ganz anderer Stelle noch einmal aufzutauchen - suggeriert fast schon so etwas wie das Ende des ganzen "Rings", wie wenn Schlömer seinem Nachfolger Christoph Nel als Regisseur der "Walküre" einen Knüppel statt der Staffette weitergereicht hätte.Der stringenten Personenführung entspricht die scharfe, bisweilen überspitzt pointierte, immer aber in den strömenden Gesamtfluß gebettete Profilierung der instrumentalen Charaktere.So genau Schlömer die Charaktere aus dem Fluß ihrer Motionen formt, so exakt definiert Zagrosek mit dem süperb aufgelegten Staatsorchester die musikalischen Triebkräfte, die ihre Motionen in Gang setzen.

Die Harmonie, die sich so zwischen den Prozessen im Orchester und den Mechanismen des Bühnengeschehens ergibt, ist verblüffend - und eine einzige Herausforderung an die Schlömer-Nachfolger (außer Nel bei der "Walküre" also Jossi Wieler für "Siegfried" und Peter Konwitschny für die "Götterdämmerung"), auf ihre Weise seinen bahnbrechenden Neuansatz weiterzuverfolgen.

Die nächsten Vorstellungen am 20.und 30.März, 22.April, 8.und 20.Mai.

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